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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 108

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Meine Religion und meine Lebensanschauung
Date
1905-01-01
Page
Seite 108 (sequence 2)
Language
German
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108 merke dies hier, weil es mir ja nicht möglich wäre, das dem Judentum Eigentümliche hervorzuheben, ohne dabei zu besprechen, wie meine Anschauung von den verschiedenen Aufsassungen innerhalb des Christentums abweicht. Es ist also nicht meine Absicht, zu polemisieren. Ich weiß allzu gut, wie leicht man bei der Rede von einer anderen Religion verletzen kann, als daß ich nicht bestrebt sein sollte, alles zu vermeiden, das diejenigen, die meine Lebensanschauung nick^ schmerzen oder verletzen könnte. Meine heutige Ausgabe will ich nun von demselben Gedankengange aus zu lösen suchen, der die freie Kirchengemeinde geleitet und sie veranlaßt hat, diese Vorträge zu veranstalten. Was ich heute Abend zu sagen habe, will ich damit einleiten, zu erwähnen, wie eine Begebenheit, die sich vor mehr als tausend Jahren zugetragen, einmal geschildert wurde. Die Geschichte erzählt uns etwas davon, daß ein heidnischer Stamm, die Chazaren, welche im achten Jahrhundert im südlichen Rußland gelebt, teilweise zum Judentum übergetreten sind. Wir wissen, daß dies geschah, aber wissen nichts Bestimmtes darüber, wie, auf welche Weise dieses kriegerische Volk und besonders dessen König, das Judentum kennen gelernt hatte. Vermutlich hatte er darüber von reisenden Kaufleuten gehört. Ein spanischer Religionsphilosoph und Dichter aus dem 12. Jahrhundert, Jehuda Halevi, läßt nun den Uebertritt des Chazarenkönigs folgendermaßen vor sich gehen: Der König sah im Traume einen Engel, welcher zu ihm sagte: „Deine Absicht ist gut, aber deine Handlungen sind nicht gut." Als der Traum sich wiederholte, suchte der König mit seinen Ratgebern ihn zu ergründen, und sie kamen zu der Erkenntnis, daß die Worte des Engels so zu verstehen waren: „Du suchst wohl Gott zu dienen, aber du kennst nicht die rechte Weise, dies zu tun." Der König beschloß nun, sich an die Repräsentanten der großen Religionen und Lebensanschauungen zu wenden, die sich in seiner Nähe befanden, damit er vielleicht durch Jene etwas Besseres kennen lernen könnte, als das, was bisher sein Wegweiser im Leben war. Zuerst ließ er nun einen Philosophen kommen und erkundigte sich nach dessen Lehre. Jehuda Halevi läßt in

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