Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1905-01-01 · 8 (1905) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
8 (1905)
Article
Rückblick auf das Jahr 5664
Date
1905-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111082-3113588--1996-3113625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 beiden Jahrzehnten vollzogen hat und in immer steigendem Maße vollzieht, für die bei weitem wichtigste Erscheinung in der neuesten jüdischen Geschichte zu bezeichnen. Hier, in Ländern vollkommener persönlicher, staatlicher und religiöser Freiheit, liegt die Zukunst unserer Glaubensgemeinschaft; hier, wo keine barbarischen Überlieferungen des Mittelalters sie beengen, kann sie sich unbehindert und groß entwickeln, im engsten Zusammenhänge mit dem neuen Vaterlande, und doch in der ihr selbst eigentümlichen Weise, nach ihren besonderen Anlagen und Aufgaben. Insofern können wir die Zurücksetzungen und Verfolgungen, welche die Juden nach dem Westen aus Rußland treiben, als eine Fügung der Vorsehung betrachten. In diesem letzteren Lande ist das Jahr etwas besser verlausen, als sein Vorgänger. Ein gewisser Stillstand in den judenfeindlichen Maßregeln der Regierung scheint eingetreten zu sein. Freilich im Beginne herrschte noch der grundsätzliche und unversöhnliche Gegner der Israeliten, Plehwe, in unbegrenzter Machtvollkommenheit. Er erneuerte immer wieder seine Versuche, den Juden alle Schuld an den Uebelständen in Rußland in die Schuhe zu schieben. „Die Juden im allgemeinen sind nicht nur wütende Revolutionäre, sie sind alle Mörder," entblödete sich dieser Fanatiker nicht, den von ihm selbst zusammenberufenen jüdischen Notabeln zuzurufen. Der gerechtere und aufgeklärtere Unterrichtsminister Senger mußte aus seiner Stellung weichen, weil er es schüchtern gewagt hatte, für die Juden ein Wort einzulegen. Und so gingen denn die Verfolgungen ruckweise weiter. Bei Annäherung des Krieges mit Japan wurden alle Juden, die in der Nähe der sibirischen Bahn wohnten, ausgetrieben, und zwar zu Fuß. Zwei- bis dreitausend Unglückliche mußten einen Weg von drei- bis fünfhundert Meilen bei einer Kälte von zwanzig bis vierzig Grad durchwandern — ohne jede Verschuldung ihrerseits, nur aus beschimpfendem Verdacht des Generals Kuropatkrn, der steilich gegen das japanische Heer viel weniger siegreich war, als gegen die wehrlosen Juden. Dem Benehmen und den Gesinnungen der Regierung entsprach es nur, wenn der Pöbel, besonders in betrunkenem Zustande, an verschiedenen polnischen und eigentlich russischen Orten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.