Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Über jüdische Ärzte
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 30)
- Language
- German
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107 Geiste des jüdischen Aerzlestandes nicht anheften konnten und von diesem Geiste daher jeder äußere Druck abprallen mußte, droht heutzutage auch diesem alten Stamme innere Fäulniß. Nicht als ob es keine großen, vornehm denkenden und dem Judenthume treuen Aerzte mehr gäbe. Metschnikoff und Haffkine, die ihre grausame Heimath Rußland verließen und der in Paris, jener in London weltberühmt wurden, sind hierfür classische Beispiele; an den ärztlichen Facultäten der ganzen Culturwelt wirken hervorragende jüdische Aerzte als Lehrer und nehmen ehrlichen Antheil an den großen Aufgaben ihrer Zeit — aber der große Durchschnitt früherer jüdischer Aerzte war stärker. Und wenn ein sarkastischer ärztlicher Schriftsteller die modernen Aerzte derart charakterisirt, daß sie „wenn sie zum Kranken kommen, ihren Rock aus und ihre gewichtige Miene anziehen", dann können auch wir jüdischen Aerzte von dieser Schilderung nicht ausgenommen werden. Wenn wir auch wahrheitsgemäß dies bekennen müssen, dürfen wir es trotzdem nicht leugnen, daß manche Spuren der großen Tradition früherer Jahre auch an den jüdischen Aerzten unserer Zeit nicht zu verkennen sind. In dem Anhang des die fünfhundertjährige Geschichte des Wiener medizinischen Doctorencollegiums behandelnden und jüngst erschienenen Buches werden jene aufgezählt, die als Aerzte auch auf dem Gebiete der Belletristik sich Ruhm erwarben. Ueberraschend groß ist die Zahl jüdischer Aerzte, die sich besonders auf literarischem Gebiete Lorbeeren gestückt haben. Abgesehen davon, daß 19 von den 22 Wiener medizinischen Fachblättern noch immer jüdische Redacteure haben, giebt es eine ganze Reihe jüdischer Aerzte, deren Name in der deutschen Literatur maßgebend ist. Der vor einigen Jahren verstorbene L. A. Frankl eröffnet mit seinen Gedichten den Reigen, der in Baja gebürtige Carl Beck mit seinen, besonders das Leben -der armen Leute schildernden prächtigen Gedichten, dann der gewesene Mitarbeiter der „Neue freie Presse" M. Schlesinger, ein gebürtiger Ungar, dann der aus Galizien stammende Szeps, Gründer des „Neuen Wiener Tageblatt" und des „Tagblatt" und von den allerjüngsten der aus Fünfkirchen stammende