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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1902-01-01 · 5 (1902) · p. Seite 76

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
5 (1902)
Article
Moses und Michel Angelo
Date
1902-01-01
Page
Seite 76 (sequence 20)
Language
German
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76 Werkes ist der Art, daß man jetzt die Hörner vermissen wird. Welch ein Gigantenkopf auf dem Riesenleib! Und meine Beinkleider gar! Ich sehe ja aus, wie ein gefangener Barbarenkönig am Triumphbogen! M. A. Moseh, wie kannst Du mich so plagen! Doch sprich, was wünschest Du weg? Denn leider, zusetzen, das geht nicht. M. Ist auch nicht nöthig! Du machst überhaupt, finde ich, viel zu viel Komplimente mit einem armen Manne aus dem Ghetto! M. A. Du scherzest bitter, heiliger Mann Gottes! Bin ich denn gar der Sündenbock für alle, die an Euch freveln? Michel Angelo setzte wieder den Meißel an, Hub den Hammer und sah stagend zurück. Moseh aber faßte seinen rechten, aufgehobenen Arm und schaute ihn an, mit leuchtendem Blicke. Sein Schleier war verschwunden, mildes Licht umfluthete wieder das hohe Angesicht und strahlte von den Umgebungen zurück. M. Angelo that einen Schritt zurück und lag auf seinen Knieen vor der Erscheinung. Moseh aber erhub seine Stimme und sprach: Steh auf! Nur seinem Gotte soll der Mensch seine Kniee beugen; keinem vom Weibe geborenen! Du bist mir lange in jenen Regionen nachgegangen, mein Antlitz unbedeckt zu schauen; jetzt ist Dir's gewährt! Blicke mich fest an! Indem er also redete, wuchs seine Stimme, ward stets voller, tönender, gleich dem Meeresbrausen, gleich dem Sturme um die Gipfel der Felsen, und endlich wie ein tief hallender Donner, aber in hohem Wohllaut; zugleich strahlte sein Angesicht Heller und stärker, bis der Meister endlich seine Augen schloß und sich geblendet abwandte. Ein voller Sonnenglanz erfüllte die Kirche durch und durch. — Endlich Hub Moseh seinen Stab; da fingen die Säulen an zu wanken und die Gewölbe krachten. Du wußtest es, rief er, einem Engel des Weltgerichtes gleich, daß mich Gott gesandt und daß ich seinen Willen verkündete: Du sollst Dir kein Bildniß machen! und dennoch bildetest Du meine Gestalt! Eben die meinige, durch deren Mund der Heilige jenes Gebot verkünden ließ! Aus mir schufst Du Dein Bildniß! Was hast Du Dir, Du Gewaltiger, angemaßt!

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