Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 5 (1902)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5661
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — muß, in den weit überwiegenden Fällen, erst an sich selbst eine gewisse Anstrengung vollziehen, ehe er sich zur Vertheidigung an unsere Seite stellt. Die Widersacher aber wissen, daß sie sich zu Gunsten ihrer Sache dieses Vorurteils leicht und mit sicherm Erfolge zu bedienen vermögen, — und so ist aller Orten das Erste und Letzte der politischen wie der kirchlichen Reaktion: „Auf, gegen die Juden!" Sie sind sicher, damit jedesmal zahlreiche Anhänger zu werben. Wir wollen nur kurz auf die weitere Gefahr Hinweisen, die den west- und mitteleuropäischen wie den amerikanischen Juden dadurch erwächst, daß ein großer Theil ihrer osteuropäischen Brüder tatsächlich durch den ungeheuren, endlos lange währenden Druck zu materiellem und theilweise moralischem Siechthum verdammt, gewissermaßen verkrüppelt ist; daß der Zufluß dieser Unglücklichen nach dem Westen das Vorurtheil auch dort, wo es geschlummert hatte oder ganz verschwunden schien, stets von neuem wach zu rufen droht; und daß schon unsere Solidarität mit jenen Aermsten — eine Solidarität, die wir niemals, nach karäischer Weise, verleugnen werden — uns zweifellos großen Nachtheil bringt. Es ist also durchaus irrig, wenn man uns sagt: weil eure Sache mit dem allgemeinen Kampfe um Freiheit und Gerechtigkeit zusammenhängt, könnt ihr ruhig die Hände in den Schooß legen und abwarten, bis dieser Kampf in günstigem Sinne entschieden ist; höchstens helft ihn uns mit ausfechten. Nein, wir haben noch einen ganz besonderen, uns eigenthümlichen Streit zu bestehen und deshalb auch besonders zu arbeiten. Unsere Lage ist viel gefährdeter, viel verlustbringender, als die der großen Schlachthaufen, da wir eine geringzählige Truppe, von den Feinden in erster Linie bedroht und vor allen anderen der Vernichtung gewecht sind. Sind wir doch leider daran gewöhnt, sogar von einer beträchtlichen Anzahl unserer Mitstreiter im Stiche gelassen, ja verrätherisch angefallen zu werden! Wir müssen deshalb, als die geweihte Schaar der uralten Gotteslehre und der Gewissensfreiheit, unsere Reihen fester zusammenschließen, unsere Waffen nach allen Seiten wenden, Abwehr und Angriff mit verdoppelter Energie führen. Nur solchem Kampfesmuthe, nur solchem Bestehen auf sich selbst seitens unserer Väter