Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- David Kaufmann
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 2)
- Language
- German
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197 Unsere Wege haben sich getrennt, aber unsere Freundschaft blieb bestehen, und ich verfolgte stetig den Entwicklungsgang meines Freundes. Ungleich den meisten großen jüdischen Gelehrten früherer Generationen, die in der Jugend ausschließlich sich dem Talmudstudium und der hebräischen Litteratur gewidmet haben und plötzlich in das Licht des modernen Lebens und der modernen Wissenschaft gestellt worden sind, blieben bei ihm jüdisches Wissen und moderne Wissenschaft zwei gleichmäßig wirkende Kräfte, mit dem Unterschied jedoch, daß die eine centripetal, die andere centrifugal wirkte. Er war mit dem Boden seiner Heimath zusammengewachsen, denn in dem Boden wurzelte das Gedeihen seines elterlichen Hauses — sein Vater war und blieb Landmann — er kümmerte sich als junger Gymnasiast um den Wetter- und Saatenstand, weil ihn die Schaffenskraft der Natur interessirte und weil damit die Sorgen seiner Eltern zusammenhingen. Aus diese Weise bewahrte er sich in seiner Gelehrtenstube den Erdgeruch, in seinen abstrakten Arbeiten den Sinn für die Freuden und Leiden feiner Familie und des Judenthums. Er hat die weite Welt kennen gelernt, große Reichthümer besessen, und großen Ruhm erworben, sein treues Gemüth zog ihn aber immer wieder in das bescheidene Haus seiner Eltern in Kojetein, wo erinder guten Stube im ersten Stocke gewiß viele der schönsten Stunden seines Lebens verbracht hat. Schon früh entstand bei Kaufmann die Neigung zu litterarischem Schaffen, und die Raschheit der Auffassung, die große Belesenheit, das reiche Wissen und die meisterhafte Beherrschung der Sprache befähigte ihn, bald kurze, oft glänzend geschriebene Referate über Werke verschiedenen Inhalts zu liefern. Wer diese Periode seines Schaffens kennen lernen will, findet in dem Magazin für die Litteratur des Auslandes in den siebziger Jahren zahlreiche Besprechungen aus seiner Feder. Jahre vergingen und der Name David Kaufmanns hat einen immer Hellern und weitern Klang erhalten. Als Lehrer vereinigte er um sich eine begeisterte Schaar von Jüngern, die Zu ihrem Meister bewundernd aufschauten; als Forscher und Schriftsteller stand er in der vordersten Reihe. Wo Interesse