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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 149

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Wie Steinthal und Lazarus Brüder wurden
Date
1900-01-01
Page
Seite 149 (sequence 2)
Language
German
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150 wieder eine sachliche Mittheilung, selten eine Familiennachricht. Seine sonstigen etwa erhaltenen Briefe mögen herkömmlicher geartet sein, seine Briefe an Lazarus sind rücksichtslose Selbstbekenntnisse, oft erschütternd in ihren Naturlauten. Auch hier folge ich Lazarus Anordnung und Auswahl. Steinthal hörte im Jahre 1847—48 (und auch irrt folgenden Jahre) das Colleg über Sprachphilosophie beim alten Heyse. Lazarus kam ein Jahr später. Beide pflegten auch die Sprechstunden des liebenswürdigen Sprachforschers zu besuchen, doch stets ohne einander zu treffen. Dennoch entwickelte sich häufig ein wissenschaftlicher Widerstreit der Meinungen in den jungen Köpfen, und der nicht zurückhaltende und immer eifrige Steinthal schüttete vor Heyse aus, was er wissenschaftlich gegen seinen Commilitonen auf dem Herzen hatte; Lazarus, ruhiger und besonnener, entgegnete dann Heyse, was er gegen Steinthal zu sagen wußte. Heyse, der immer Gütige und Entgegenkommende, der an dem wissenschaftlichen Feuer der jungen Leute seine helle Freude haben mochte, war der Vermittler und' das Sprachrohr für Ansicht und Gegenmeinung. Das ging so monatelang, bis Heyse denn doch eines Tages zu Lazarus sagte: „Hören Sie mal. Sie sollten doch endlich persönlich Ihre gegenseitigen Ansichten von Mund zu Mund miteinander austauschen! Gehen Sie zuerst zu Steinthal. Er ist der Aeltere und der Schwächere, — gehen Sie zu ihm." Und Lazarus ging. Von diesem Augenblick an datirt ein Band zwischen beiden einander so gemüthsverwandten und geistig doch so verschiedenen Männern, das unzerreißbar blieb bis ans Lebensende. Vorerst waren es die häufigen Begegnungen, wie sie der engere studentische Verkehr in der Großstadt mit sich bringt, auch besuchten Beide einander jetzt fleißig, begleiteten sich hin und zurück, oft in ihre Gespräche vertieft, daß sie den Straßenlärm nicht spürten, Alles um sich vergessend, daß sie Nichts sahen als sich und Nichts hörten als ihre eigenen, oft leidenschaftlichen Untersuchungen zur Erforschung der Wahrheit und Begründung ihrer Meinungen.

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