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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 130

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch
Date
1900-01-01
Page
Seite 130 (sequence 57)
Language
German
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131 behrlicheres, aber doch am Ende canailleuses Auge ausgeschlagen habe." Sodann wenden sich seine bitteren, sarkastischen Pointen gegen das Ermessen des Richters mit seiner Parteilichkeit für den Vornehmen und Reichen. Für die Milderung der Sitten bei der Leibesbeschädigung verfehlt er nicht darauf hinzuweisen, daß in den neueren Zeiten ״häufig der Vornehme nicht der Stärkste ist." Uebrigens wirke dabei auch der Umstand mit, ״daß das Volk etwas zu zahm gemacht ist, und freie Leute vergessen haben, sie sind nicht Sklaven, sondern im Rechte jedem anderen Mitbürger gleich." Dagegen nimmt er als Wirkung des Rechtes an, und hier zeigt sich abgesehen vom politischen Socialismus der echte religiöse Sinn dieser Interpretation: der Verbrecher ״wird sich demüthigen und abbitten, nicht wie es bisweilen in Gerichten geschiehet, mit stolzer verächtlicher Miene, sondern der Vornehme wird wirklich dem geringernBeleidigten demüthig und vonHerzen abbitten, und ihn von da an in seinem ganzen Leben als seinen Vergeber ehren, und dabei gern eine Geldsatisfaktion geben." Christus habe keineswegs das Gesetz Mosis an greisen wollen, sondern nur eine ״mit Mosis Worten vorgettagene böse Moral der Pharisäer." Wir wissen, daß diese Ausflucht abgeschnitten ist. Es kommt ihm aber offenbar auf diese Erklärung auch gar nicht an. Wie übrigens die posittven Ausführungen Christi zu verstehen seien, ״gehet mich jetzt nicht an, denn ich kann hier nicht die Bergpredigt erklären." Und er beschließt den Paragraphen mit dem kräftigen Wörtlein, daß er dem Ermessen des Richters gegenüber Gesetze ״fordert, die den Vornehmen und Niedrigen gleich machten, und den Zahn des Bauern mit dem Zahn des Adligen gleich hielten, sonderlich da der Bauer Rinde beißen muß, und der Adlige Semmel haben famt."*) So sehen wir denn als Sinn des Gesetzes die Humanitätsidee der Propheten von Michaelis anerkannt. Nicht nur im Gottesdienst wollte die messianische Idee die Menschheit einigen; sondern, vornehmlich mit den socialen Gegensätzen im heißen Märtyrerkanrpfe, wollte sie die 9* ') Mos. Recht Bd. V. §§ 240—242.

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