Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Schmah Jisroel
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 270 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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270 immer weiter von ihrem Vater führte — für immer — immer-— Noch einmal wendete sich ihr Blick der kleinen Gesellschaft zu, die glühenden Augen schauten durch den Tränenschleier zu Harry hinüber, der hinter seiner Mutter stand und sich krampfhaft an der Lehne ihres Sessels hielt. Die alte Frau hatte am ehesten ihren Unmut verwunden, aus ihren Augen leuchtete mütterliches Wehgefühl, dem die trotzige, leidenschaftliche Jrländerin sich beugte. Es zwang sie zur Schwester ihres Vaters, sie warf sich vor sie hin und flehte mit den Augen und gefalteten Händen. Und die alte Frau sprach: „Geh' nicht von uns, inein Kind, wir sind so gute Menschen, wie Deine katholischen Freunde. Bleib' bei uns und leb' mit uns, wir wollen Dich nit stören, laß Du uns in unserer Weis' glücklich sein." „O Tante, ich kann nicht, ich Hab' gelobt, ich bin gebunden!" schrie das Mädchen in tiefer Qual. „Dann soll Gott denen verzeihen, die Dich so weit gebracht haben — ich kann Dir nit helfen!" Die Tür ging. Ein heftiger Windstoß schlug sie zu — es klang wie ein Schuß. Der alte Mann sprang jäh auf und eilte zum Fenster. Von draußen drang durch das Pfeifen des Windes das Schluchzen der beiden Mädchen, die einsam davonzogen -. Der alte Jude sank vor der Fensterbrüstung zusammen und schlug sich an die Brust. Dann stand er auf, wendete sich zu uns mit einem tief klagender: Ausdrucke im Gesichte. Er suchte nach Worten für sein Leid. Er öffnete den Mund und schloß ihn wieder, um ein Schluchzen zu unterdrücken, dann entrang sich seiner Kehle erst fremd, dann immer vertrauter ein Ruf. Es war der alte Weheruf, das Losungswort der Heimkehr, ein Ruf des Leides und des Trostes, aufgelöst in Schluchzen: „Schmäh Jisroel!"