Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Schmah Jisroel
Date
1909-01-01
Page
266 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3111067-3111090-3112698--3384-3112984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

266 Das zweite, kleinere Mädchen wies in Gesicht, Gestalt und Wesen Züge der väterlichen Familie auf. An beider Wangen merkte inan die Spuren von Tränen. Die Kleine schluchzte laut auf, als sie den Vater erblickte, lief rasch zu ihm hin, sank zu seinen Füßen und verbarg das Gesicht in seinem Schoß. „Schämst Du Dich nicht", rief das größere Mädchen, „hier vor so vielen Leuten?! Und Du, Vater, tust uns die Schmach an, aus dem Hause zu laufen?" Sie sprach herrisch hart. Die alte Frau fuhr auf. „Wie sprichst Du zu Deinem Vater?" Harry eilte zu seiner Mutter und bat: „Lasse sie, menge Dich nicht darein!" Dabei zitterte seine Stimme in heftiger Aufregung, von der auch sein bleiches Gesicht Zeugnis gab. „Ach, was", entgegnete die Frau heftig, „ich will ihr beibringen, wie ein Kind zu seinem Vater sprechen soll, wenigstens ein jüdisch Kind!" Nun wurde das Mädchen bleich bis in die Lippen. „Tante, o Tante", stammelte sie, „glaubst Du, wir Katholiken kennen kein viertes Gebot? Das ist es doch eben, was mich so unglücklich macht! Aber es heißt: „Ehre Vater und Mutter", und unsere Mutter, o unsre arme Mutter leidet im ewigen Leben. Sie wird im Fegefeuer gemartert, sie steht mit ihrem ganzen Leib im brennenden Schwefel und wird in alle Ewigkeit leiden!" Sie sprach dies mit Ueberzeugung, mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes. „Aber Kind, Kind", meinte die Tante eifrig, „der Leib Deiner Mutter ruht in der Erde —-" „Tante, aber ihre Seele leidet und wird gemartert- Denke Dir, die ganze, lange Ewigkeit ist sie verdammt und ächzt und bereut, daß sie den Vater nicht zum rechten Glauben bekehrt hat. Und sie war gar nicht richtig verheiratet, wir sind ihr im Himmel eine Last, eine Sünde, weil Vater nicht katholisch ist und kein katholischer Priester die Ehe eingesegnet hat!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.