Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Feine Seelen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 208 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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208 gewollt und erstrebt, in Handel und Wandel Macht und Ehre errungen haben und doch sich nicht verleugnen wollen und . . . können! Gottlob!" Wir ließen seinen jugendseurigen Redestrom lautlos über uns ergehen, dann sagte die hübsche Tochter: „Ja, aber die . . . schlechten Manieren ..." sie errötete leicht und ihr Auge hing wohlgefällig an der schlanken, eleganten Gestalt des ihr Gegenübersitzenden, der den Typus reiner, edler, schöner jüdischer Wesenheit unverkennbar zur Schau trug. „Es gibt nicht gute christliche Manieren, mein gnädigstes Fräulein, und es gibt nicht schlechte jüdische Manieren, es gibt nur gute oder schlechte Manieren; wer die guten nicht besitzt, ist gesellschaftlich unzulässig, ebenso als Christ wie als Jude. Und dann, Manieren, Formen sind Sache der Erziehung. Schlecht erzogene Menschen sind mir überhaupt unangenehm." Er sah sich im Kreise um, dann lachte er fröhlich auf: „Ja und hier, wir . . . ja, wir sind doch Juden!" „Und was für welche!" rief der Professor. „Und ... ja, und was ich meine, das möchte ich eigentlich ästhetisch begründen. Es gibt eben ein unverbrüchliches Gesetz, eine unverrückbare Linie, die dem scharfen, geübten Blick sofort kenntlich macht, welcher Rasse jemand angehört. Niemals wird ein künstlerisch geschultes Auge dies übersehen. Und wenn ich an den Stufen eines Thrones stände und zu einem Gekrönten aufblickte, ich würde den Juden in ihm erkennen, wenn er einer wäre ..." „Unser junger Freund meint natürlich den König von Zion" ... Ein fröhliches Lachen löste die etwas erregte Stimmung aus, in die der Sprechende und seine Hörer geraten waren und als wir nach einer Weile uns trennteir, waren wir alle seiner Meinung. Diese Unterhaltung aber gab mir vielfache Anregung. Ich fand, daß das, was der junge Künstler als die unverrückbare Linie körperlicher Judenart bezeichnete, als unverrückbare Linie ihrer geistigen Wesenheit ebenso aus-