Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 12 (1909)
- Article
- Ludwig Jacobowski
- Date
- 1909-01-01
- Page
- 205 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Kindes zu gewinnen. Da tut er sich als Märchenerzähler aus: . . . Die Riesentochter steigt von ihren Bergen Und schüttet Pflug und Bauer in den Schootz. Schneewittchen lebt zufrieden bei den Zwergen Und plaudert rnit der Hexe ahnungslos. Sirenen locken mit verliebter Stimme Die sieben Schwaben führen ihren Spieß, Und Ritter Blaubart würgt in wildem Grimme Die zehnte Frau im dunklen Burgverließ. Der kleine Hans fällt in den schwarzen Graben Das kam, er guckte immer in die Luft. Hoch oben kreischt der Schrei der sieben Raben Und Däumling führt die Brüder aus der Kluft. . . Endlich entsprang dieser volkstümlichen Begabung des Dichters noch eine besondere, am besten nenne ich sie paedagogische Tätigkeit, vielleicht seine allerschönste und segenverheißendste. Er wollte dem „Volk", den „kleinen Leuten" Kunst zuführen, wollte den öden Gassenhauer durch wahrhafte Dichtung ersetzen. So ließ er nach vieler Arbeit ein Zehupfeuuig-Heftchen in großer Auflage erscheinen: „Neue Lieder der besten neueren Dichter fürs Volk". Das inhaltreiche Heft fand die weiteste Verbreitung und wirkte wahrhaft volkserzieherisch. Dann begann eine Serie „Deutsche Dichter in Auswahl für's Volk" zu erscheinen Sie brachte es bis zum Tode ihres Herausgebers auf drei Hefte: Goethe, Heine und Gebrüder Grimm. Ferner veröffentlichte der Unermüdliche eine Sammlung von Volksliedern „Aus deutscher Seele" und eine Anthologie romantischer Lyrik „Die blaue Blume". (Hier war Friedrich von Oppeln Bronikowski sein Mitarbeiter.) Auch trat er in Zeitschriften für seine Lieblingsidee ein. Endlich Plante er ein „Soldatenliederbuch", eine besondere „Armeeliteratur." Mit diesen Bestrebungen hätte sich Jacobowski „bei längerem triebkräftigen Leben denr deutschen Volke ins Herz geschrieben". Ihm ist auch diese schönste Dichterheimat versagt worden. Er starb zu früh — ein Heimatloser.