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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1909-01-01 · 12 (1909) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
12 (1909)
Article
Rückblick auf das Jahr 5668
Date
1909-01-01
Page
2 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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2 lichen Phäiromens: der Verdrängung der weltumfassenden Humanität durch den Kampfessinn der Nationalitäten. Eine Erklärung finden wir hier, aber freilich keinen Trost. Denn gerade das Allgemeingiltige, das gewissermaßen Notwendige und Dauernde dieses großen geschichtlichen Vorganges verleiht dem Antisemitismus eine innere Kraft, die er als vereinzeltes Vorurteil sicher nicht besitzen würde. Gerade weil bei allen Nationalitäten das Einseitige, Parteiische, ungerecht „Völkische" im Vordergrund steht, eben deshalb wenden sie sich gegen die Juden, die man, trotz ihrer Proteste und ihrer redlichen, oft selbst übertriebenen Bemühungen um Eingliederung in ihre Wirtsvölker, hartnäckig als Fremdlinge betrachtet. Kein Wunder, daß auch in unserer Mitte das „Völkische" Geltung verlangt und sich als Nationaljudentum, als Zionismus kundtut. Nun, die Gegenwirkung wider die einseitige und überscharfe Betonung des Volkstums ist ja glücklicherweise eingetreten und spricht sich von Jahr zu Jahr kräftiger aus. Die internationalen Verbrüderungen, Abordnungen und Feste, die Friedensgesellschaften, der Austausch von Schülern und Professoren, die großen Ausstellungen, die interparlamentarischen Konferenzen, die Monarchenzusammenkünfte und das Haager Schiedsgericht, alles das sind Bemühungen, die Verschiedenheit des Volkstums zu überwinden, die Gemeinsamkeit der Kulturwelt wieder herzustellen und stärker hervorzuheben. Es soll den hadernden Nationalitäten zum Bewußtsein gebracht werden, daß sie vor allem Glieder einer großen Menschheitsfamilie sind. Das Bewußtsein des Trennenden soll von dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit überwunden werden. Man soll von neuem lernen, daß, wenn auch jede Nationalität auf ihrem Gebiet selbständig ist, sie doch in engster Gemeinschaft mit jeder anderen steht. Der Jahrzehnte lang verpönte Begriff des Weltbürgertums, die weltbürgerliche Gesinnung kommen nun abermals zu Ehren. Selbst die gegen sie bisher sprödesten Parteien und Regierungen erkennen sie endlich an und verbeugen sich vor ihnen.

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