Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 51)
- Language
- German
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188 Zeit und später fast monatelang ununterbrochen mit Auerbach verkehrt, ich war in vielen Beziehungen der Vertraute seiner Freuden und Leiden, ich war eingeweiht in seine allerpersönlichsten Verhältnisse, und habe so genügendes Material zu einer erschöpfenden Beurteilung seines Charakters gesammelt. Auf Grund dieser eigenen Erfahrungen, und nachdem die Jahre der Reife und der tiefern Menschenkenntnis auch in meiner Auffassung den von meiner damaligen enthusiastischen Stimmung auf den Gegenstand der allgemeinen Verehrung reflektierten Nimbus abgestreift und einer ruhigen objektiven Betrachtung Platz gemacht haben, kann ich Auerbach das treue und gewissenhafte Zeugnis einer im tiefsten Seelengrunde edlen und sittlich hohen Natur nicht versagen, wenn ich auch ebensowenig den von jener Lichtseite nicht leicht zu trennende Schatten eines gewissen berechnenden Egoismus und einer bei so großen Erfolgen menschlich erklärbaren Selbstgenügsamkeit, um nicht zu sagen Selbstgefälligkeit verleugnen möchte. Wenn Auerbach auch in vielen Dingen ein Sonntagskind des Glückes war, dem die Gunst des richtigen Augenblicks auf literarischem wie auf menschlichem Gebiete zwar nicht unverdiente, aber doch in solchem Maße von ihm selbst nicht erwartete Erfolge, wie goldne Früchte in den Schoß warf, so hatte er doch andererseits schon von Jugend auf auch sehr harte Kämpfe mit dem Leben zu bestehen, und erfuhr vielfach den Neid und die Mißgunst der Menschen und der Götter. Es ist deshalb auch nicht zu verwundern, wenn er zumal solchen gegenüber, für welche er kein wärmeres Interesse hatte, mehr die negativen Züge seiner Individualität, das Abwehrende und Isolierende, hervorkehrte. Nicht so seinen Freunden gegenüber; diesen hat er jeder Zeit Treue und Liebe gewahrt, ihnen begegnete er mit der ganzen unzerstörbaren Unmittelbarkeit und Wärme seines Gefühles, und war gewiß auch fähig, wo es Not tat, Opfer zu bringen. Damals führte Auerbach in Berlin ein bewegtes Leben, er tauchte mit hohem Wohlgefühl, wenn auch mit einer, aus dem Gegensatz seiner ungesuchten, schmucklosen Offenheit, die man sogar poetische Naivität zu nennen versucht war, und des hochentwickelten gesellschaftlichen Formalismus der nordischen Metropole, entspringende heitere Ironie in das