Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- David Honigmanns Aufzeichnungen aus seinen Studienjahren (1841/5)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 43)
- Language
- German
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175 wissenschaftlichem Gebiet. Er stand in nahen Beziehungen zn Willibald-Alexis, Varnhagen von Ense und dem Kreise der Spenerschen Zeitung, und hatte kurz vor meinem Eintreffen in Berlin einen geistvollen, gelehrten und doch blendend geschriebenen Beitrag für die Freund'sche Monatsschrift über die jüdische Reformsrage geliefert, der in den betreffenden Kreisen Aufsehen erregte. Durch diese Beziehung zu unserer Zeitschrift machte ich bald seine Bekanntschaft, wie die eines anderen mit ihm nahe befreundeten Mitarbeiters, des Dr. phil. Sigmund Stern?) Mein Verhältnis zu Bernstein war nach kurzer Zeit aber kein äußerliches mehr, sondern war von dem wärmsten Hauche geistiger und gemütlicher Verwandtschaft und eines wahrhaft freundschaftlichen Verkehrs, wie er nur immer zwischen dem gereiften Manne und dem aufstrebenden Jüngling sich gestalten mag, in der für mich förderlichsten Weise durchweht. Er führte mich sogleich in seinen engsten Familienkreis ein, den eine mit ihm an Herzensgüte wetteifernde Gattin und ' reizende kleine Kinderchen verschönten. Unzähligemal wurde ich von dem liebenswürdigen Paare ä 1a fortune du pot an ihrem Tisch zurückgehalten, so oft ich mich nur sehen ließ, und das bescheidene Mahl hatte seine schönste Würze an der nie versiegenden Heiterkeit des Hausherrn, in dessen Gemüt die ewige Quelle eines wahrhaft poetischen und schöpferischen Humors sprudelte und rauschte. So hoch und weit sein Geist in die Regionen der Philosophie und der allermodernsten Wissenschaften von der Natur hinausreichte, so wurzelte er doch mit seinem Herzen in den Erinnerungen und Anschauungen des altjüdischen Denkens und Fühlens, die ihn aus seinen frühesten Jugendzeiten vertraut und lieb waren, und die kein zweiter so herrlich wie er in ihrer wahren Ursprünglichkeit zu durchdringen und mit der höchsten Freiheit und Unbefangenheit des Humors dichterisch zu gestalten verstand. Wer seine aus dem altjüdischen Kleinleben geschöpften Erzählungen „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" — die freilich länger als ein Dezennium später entstanden — jemals gelesen, wird das Gesagte nicht übertrieben finden. *) Vgl. oben S. 159.