Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 7 (1904)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5663
- Date
- 1904-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Ministerium angeordnet hat, daß die jüdischen Einjahrig- Freiwilligen, die am 1. Oktober — dem Versöhnungstage — in das Heer hätten eintreten müssen, dies erst am 2. Oktober tun sollen. Immerhin ein freundliches Zugeständnis, für das Wir, die wenig Verwöhnten, dankbar sein wollen. Um so trauriger ist es, daß in dem früher den Israeliten so gerecht gesinnten Bayern der immer mehr überwiegende Einfluß der ultramontanen Partei ganz ungeheuerliche Benachteiligung des jüdischen Elements zu Wege bringt. Schon vor längerer Zeit wurde den israelischen Elementarlehrern die Anstellung nicht nur an konfessionellen, sondern sogar an Simultanschulen untersagt — schlimmer als in Preußen! Jetzt aber hat die Regierung verlangt und trotz des Widerspruchs der städtischen Behörden auch erzwungen, daß ein Lehrer und eine Lehrerin israelitischen Bekenntnisses, die sie selber einst zu dem Amte ernannt hatte, ohne irgend ein Verschulden, nur ihrer Konfession wegen, aus den Volksschulen zu Nürnberg entfernt wurden. Eine Ungerechtigkeit und Willkür, die in einem zivilisierten Lande wohl kaum ihres Gleichen hat. Wir sehen wieder, was bei der quietistischen Haltung unserer bayerischen Glaubensgenossen, die vor allem nur nicht nach oben Anstoß erregen wollen, herauskommt. In Österreich zeigte sich die gleiche betrübliche Tatsache, wie in Deutschland: auffallend geringere Zunahme der jüdischen Bevölkerung als aller übrigen Konfessionen, infolge der niedrigen Geburtenzahl. Es beweist dies in Wahrheit ein Nachlassen der Lebenskraft in dem jüdischen Stamme, wenigstens in diesen Staaten, das zu schmerzlichen Erwägungen aller Art Anlaß gibt. Gewiß ist die Abnahme des Kinderreichtums gemeiniglich das Anzeichen höherer Kultur, aber nicht in deren gesunder, sondern in ihrer schädlichen Richtung, ein Beweis von übermäßiger geistiger Entwicklung aus Kosten der körperlichen Kraft und zugleich des übermäßigen Raffinements in Anschauungen und Lebenshaltung. Unerfreulich ist auch der Umstand, daß im deutschen Teile Österreichs der Gegensatz wider die Juden unvermindert fortdauert. Die Landtagswahlen in Niederösterreich im Herbst 1902 haben lediglich ein weiteres Anwachsen der „Christlich-