Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5662
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112164--1480-3112189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nur schwach pulsiert das Leben unter unseren doch so zahlreichen Glaubensgenossen in Oesterreich. Sie finden sich weder zur Abwehr der äußeren Angriffe noch zu gemeinsamer Arbeit für Hebung des religiösen Moments und der Kultur untereinander zusammen. Es ist sehr bedauerlich, daß hier keine opfervollen und thatkräftigen Männer erstehen, die die Sache unserer Gemeinschaft energisch in die Hand nehmen. Der Sieg, den die Christlich-Sozialen — lies: Antisemiten — abermals bei den Gemeindewahlen in Wien erfochten haben; das immer erneute Wiedererscheinen der ebenso schändlichen wie gefährlichen Blutlüge; der tiefe Kulturstand eines Teiles der cisleithanischen Judenheit: alles das sind Thalfachen, die die gebildeten und warmfühlendeu Israeliten Oesterreichs endlich aus ihrer schlaffen Thatenlosigkeit . aufschrecken müßten. Aber leider sehen wir dessen noch kein Anzeichen. In Ungarn ist noch immer die liberale Partei, unter deren Reichstagsabgeordneten sich auch viele Juden befinden, am Ruder. Sie hält im ganzen und großen die Fahne der Religionsfreiheit und Gleichberechtigung aller Konfessionen aufrecht. Es läßt sich indes nicht in Abrede stellen, daß in ihren Reihen nur allzuviel Schwankende sind, die mit der klerikalen Reaktion zu paktieren sich bereit zeigen. Von der Thronbesteigung des so offen zu dieser sich bekennenden Erben der Krone fürchtet man einen gewaltigen Aufschwung des Ultramontanismus und der Judenseindschaft, und zwar um so mehr als sich eben die Bande des Liberalismus in Ungarn bedrohlich gelockert haben. Hoffen wir, daß die politische Einsicht und der frische vorwärtsstrebende Geist, die sich bisher bei der kräftigen magyarischen Nation gezeigt haben, auch fernerhin den Sieg davontragen werden. Jedenfalls müssen die ungarischen Israeliten sich rechtzeitig auf die kommenden Stürme vorbereiten. Italien dagegen ist das Land, das noch immer von jeder antisemitischen Strömung befreit bleibt. Der frühere Erzieher des jetzigen Königs, General Ottolenghi, ein überzeugter und auch äußerlich sich bethütigender Israelit, ist zum Kriegsminister ernannt worden. Es genügt, diese Thatsache in Gegensatz zu stellen zu den Zuständen anderer Länder,