Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 234 (sequence 103)
- Language
- German
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234 schon eingetroffenen Kochfrau auf dem Markte erschienen. Ganz Rawitsch gerieth in das höchste Erstaunen. „Die Frau Geheimräthin in höchst eigener Person hat sich für den Einkauf der Puten und Katschkes und Gäns zu interessiren geruht," hatte der „Hühuertapper Freund" aus der Vorstadt Nachmittag bei Mincha berichtet. Im übrigen hatte man alles, was in dem Oertchen nicht zu beschaffen war, aus Berlin kommen lassen und unter der Leitung von Onkel Leopold's Schwiegertochter Hannchen, bei der die Feier stattfand, war man schon seit Tagen mit dem Backen und Früchteeinkochen und Herstellen sonstiger Delikatessen beschäftigt in einer eigens zu diesem Zwecke eingerichteten Küche. Rita und zwei junge Mädchen aus Breslau und Mannheim, die mit ihren Müttern, Enkeltöchtern des Onkels, ebenfalls bereits angekommen waren, erschien dieses Leben in dem kleinen Städtchen sehr merkwürdig. Sowohl die Großnichte wie die Urenkelinnen des Jubilars waren unter so ganz anderen Verhältnissen erzogen, daß ihnen alles neu und verwunderlich war, was in der Gemeinde und speziell im Hause der Verwandten an zeremoniellen Bräuchen für diese Feiertrge vorgenommen wurde. Am letzten Abende vor dem Beginn der Passahtage hatten sie dem Chomez batteln beigewohnt und den 90 jährigen Greis geleitet, der ein Wachslicht, einige Federposen und einen breiten Kochlöffel in der Hand, gefolgt von feinem 70 jährigen Sohne Isidor und dessen Frau durch das ganze Haus zog, um die letzten Ueberreste des Ungesäuerten zu entfernen. Es fiel Rita besonders auf, mit welcher Wichtigkeit dies geschah, welche hohe Bedeutung man diesen Gebräuchen beilegte und daß bei dem Hauptbetheiligten die Festesfreude mehr dem einziehenden Passahfest galt, als der Geburtstagsfeier. Das Religiöse trat vor das Persönliche. Am Tage waren wiederum viele Verwandte angekommen, darunter Familienangehörige aus dem russischen Städtchen Pinsk. Es waren Anhänger der ältesten Orthodoxie, die theilweise sogar dem Chassidismus zuneigten. Sie hatten bei einem entfernten Verwandten, der ganz besonders fromm war, Unterkunft gefunden. Auch das Gasthaus „Zum goldenen Schwan" beherbergte bereits Gäste aus München und Wien und morgen mit dem Nachmittagszuge um 3 Uhr 28 sollten alle übrigen ankommen, unter ihnen Geheimrath Benas, sein