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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 190

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Beim Patriarchen
Date
1901-01-01
Page
Seite 190 (sequence 59)
Language
German
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190 erstaunten Kinderaugen erschloß sich so die versunkene Welt, der im Elternhause wohl noch eine pietätvolle Erinnerung bewahrt wurde, ohne daß man ihre Formen aufrecht hielt. Bei Rita wirkte das auf die Phantasie, bei Hugo auf den Verstand. Sie erfreute sich an diesen eigenthümlichen Gebräuchen, er grübelte darüber nach. Rita jubelte und lachte, wenn Onkel Elkisch bei solchen Anlässen mit Feierlichkeit und Würde die weihevollen Handlungen vornahm, Hugo empfand als Knabe schon die Schauer der großen Vergangenheit, der sie entstammten. So lebten die Kinder in zwei Welten. Das Haus der Eltern wurde ganz „modern" geführt und gerade, als Rita und Hugo noch ganz jung waren, hatte man, wie vor zwei Jahrzehnten in den meisten Judenhäusern, in Lebenshaltung und äußerer Führung Alles abgestreift, was von den Andersgläubigen trennte. Als aber dann die Zeit kam, wo man zu einer innerlichen Rückkehr gedrängt wurde, standen die inzwischen Herangewachsenen den veränderten Verhältnissen nicht so fremd gegenüber, wie es ohne Elkisch's Einfluß der Fall gewesen wäre. Sie verstanden und fühlten es, warum man diese Opfer brachte und sich nicht fahnenflüchtig einer Religion entzog, deren Grundgedanken in eine große, ruhmreiche Zeit hinabreichten, und die das Band war, welches das Volk zusammengehalten, als es zerstreut worden war durch alle Lande. Elkisch's Bedeutung wuchs in ihren Augen. Hatte er nicht recht gehabt, sich niemals den andern zu gesellen? Er empfand nun auch die Zurücksetzung nicht so bitter, unter der sie leiden mußten. Ganz besonders Hugo, der als Student schon in fortwährende Berührung mit einer seinem Stamme feindseligen Welt kam, dann als Soldat und als Referendar unausgesetzten Kränkungen, versteckten und offenen Angriffen sich ausgesetzt sah, weil er ein Jude war. Das verbitterte ihn, und intimer und bewußter denn je hatte er sich dem alten Manne angeschlossen, den ein ebenso leidenschaftlicher Haß gegen die Bedrücker wie ein frommer Eifer für den Glauben beseelte. Es war ihm daher sehr angenehm, als er ihn jetzt bei sich eintreten sah. „So spät noch, Elkisch?" begrüßte er ihn freundlich. „Was führt Sie her? Schade, daß Sie nicht früher kamen.

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