Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Heimen Kommerzienrath die Rede war. — Das war ihr im Ohre haften geblieben. Man hatte seitdem gelernt, sich zu bescheiden, sich zurückzuziehen und mit dem in besseren Zeitläuften Errungenen zufrieden zu sein. Josua Benas vergrößerte sein Vermögen von Tag zu Tag, erhöhte den Glanz und die künstlerische Schönheit des Hauses, und seine Frau wachte über dem Gedeihen dieses Hauses, gab ihren Kindern eine bis in die feinsten Einzelheiten durchdachte Erziehung und nährte im geheimen den Adelsstolz in ihrer Seele. Je mehr man sich von denen isolirt fühlte, zu denen man der ganzen Lebenshaltung nach gehörte, den vornehmsten Kreisen der Gesellschaft, desto mehr verinnerlichte sich in ihr das Bewußtsein ihrer edlen Abstammung. Und was in den Jahren des großen sozialen Aufschwunges ihr nur noch als Tradition heilig gewesen war, gewann etwas Intimes, Persönliches seit den Zeiten des Druckes und der gesellschaftlichen, freiwillig-unfteiwilligen Jsolirung. Sie sprach nicht viel darüber, aber ihr gekränkter Stolz empfand es um so tiefer und nachdrücklicher. Heute aber waren diese Fragen lebhafter noch als gewöhnlich vor sie hingetreten. Sie hatte vorhin einen Brief empfangen, der sie veränlaßte, ihren Gatten zu ungewohnter Stunde anfzusuchen. Als sie bei ihm eintrat, lag eine nervöse Spannung in ihren Zügen und, hastig sich an ihn wendend, sagte sie: „Ich muß Dich sprechen, Josua, eine Sache von großer Wichtigkeit. ..." „Gott, was hat's denn gegeben, Fanny? Das ist doch sonst nicht Deine Art, um diese Zeit . . . und so erregt . . . es ist doch nichts Unangenehmes passirt? . . . Hast Du einen Brief von Deiner Schwester . . . oder ..." Während dieser auf sie einstürinenden Fragen war sie an den Tisch getreten und hatte sich in einem dort stehenden Fauteuil niedergelassen. „Ich bitte Dich, Benas, frage nicht so viel aus einmal. Ich bin ja hergekoinmen, um es Dir zu erzählen, und ob es angenehm oder unangenehm ist, was dieser Brief enthält, weiß ich vorläufig selbst noch nicht. Er ist auch nicht von meiner Schwester, sondern von ganz anderer Seite. . . ."