Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5660
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 errichtet worden, deren Zusammensetzung den armen geplagten „Hebräern" Rußlands einige Hoffnung einflößt. Wie Ungeheures bleibt aber da noch zu thun! Man weiß, wie die Herren Beamten bei der Vertheilung der unter Christen und Juden gesammelten Hilfsgelder für die von der schrecklichen Hungersnoth in Bessarabien Betroffenen die jüdischen Armen ganz einfach übergingen und nur christliche Bedürftige berücksichtigten. Das jüdische Schulwesen ist derart vernachlässigt, daß achtundachtzig vom Hundert der Kinder ohne jede, auch die elementarste Bildung bleiben. An 400000 jüdische Kinder befinden sich in dieser traurigen, für ihre geistige und ökonomische Fortentwickelung so schädlichen Lage. Von Rußland nach Rumänien ist, wie örtlich, so auch in der Zurücksetzung der Juden nur ein Schritt. Der Nothstand, in den wiederholte Mißernten, wie Bessarabien, so auch Rumänien versetzt haben, übte auf die jüdischen Bewohner dieses Landes eine um so verderblichere Wirkung aus, je härter der Druck, die Ausschließung und die Verfolgungen waren, unter denen sie ohnehin litten. Gehörten doch drei der Minister, der Präsident und zwei der Vizepräsidenten der Kammer sowie der Bürgermeister von Bukarest dem Großrath der Antisemitenliga an! Kein Wunder, daß den Juden auf geistigem wie auf materiellem Gebiete unausgesetzt entgegengearbeitet wurde. Bekanntlich sind ihre Kinder von den öffentlichen Volksschulen ausgeschlossen; ihre auf eigene Kosten begründeten Schulen suchte die Regierung nun unter vielem Andern auch dadurch zu vernichten, daß sie den hebräischen Unterricht verhinderte. Nachdem man ihnen bereits eine große Anzahl von Beschäftigungen verboten hatte, bereitete man ein Gesetz vor, das den „Fremden" d. h. Juden die Ausübung des Handwerks untersagte. Auch aus dem Gewerbe des Schankwirthes drohte man sie zu verdrängen. Ohnehin ärgster Noch unterliegend, voll Furcht, der letzten Möglichkeit des Broterwerbes beraubt zu werden, griffen viele Tausende der Unglücklichen zum Wanderstabe, um eine bessere und menschlichere Heimath aufzusuchen. Aber die fremden Länder, auch die Vereinigten Staaten und Kanada, verschlossen den meist mittellosen Auswanderern die Grenzen. So nahm das