Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 2 (1899)
- Article
- Die schwarze Riwke
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 263 (sequence 12)
- Language
- German
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263 feldern und in den stillen Wäldern hing sie immer demselben Gedanken nach. Wie war es nur möglich? Diese guten Bauersleut! Und sie malte sich wieder die entsetzlichen Einzelheiten aus, sah sich wieder gestoßen, geschlagen, angespieen, sah sich an den Rand des Teiches geschleppt — noch einen Augenblick und dann — dann war sie verloren. Und ihre Kinder und ihr Mann warteten umsonst auf ihre Heimkehr, und keiner war da, der für sie sorgte, und sie mußten elendiglich umkommen. Warum? Weil man sie für fähig hielt, ein Kind zu morden, zu schlachten. Wie kann man denn ein Kind schlachten? Eine Bestie müßte es sein, die solch' unschuldiges Wurm ums Leben brächte. Ein Kind tödten! Schlimmer als eine Bestie. Ihr schauderte. Und doch, immer und immer kam sie auf den Gedanken zurück: Es muß doch solche Menschen geben, sonst hätte man es doch nicht von ihr geglaubt. Wie mag ein solcher nur aussehen? Und wie mag er es nur anfangen? Das Kind muß doch gleich merken, was er mit ihm vorhat. Es an sich locken. Hinterm Busch? Im dunklen Stall? Fort, fort, mit solchen Gedanken! Und das rothe warme Blut spritzt empor! Das rothe Blut! Fort, fort! Und sie schloß die Augen und preßte die Hände an die Ohren, damit sie nichts sehen und hören konnte. Fort, fort! Solche Menschen giebt es nicht, kann es nicht geben. Aber es muß sie doch geben. Und sie stellte sich den wildesten, rohesten Gesellen des Dorfes vor, stellte sich vor, wie er das Kind bethöre, ein paar Pfennig, ein paar Bonbons, er faßt es an die Hand, geht in die Steinkuhle und dann — das rothe Blut! — Ha! Nein, auch der thut das nicht. Solche Menschen giebt es nicht. Solche Menschen muß es doch geben, denn sonst —. Und eines Tages schlug es wie ein Blitzstrahl in ihre Seele: Du selber, du könntest-. Sie sah sich erschrocken um, ob jemand hinter ihr stände und sie belauschte, dann fing sie an zu laufen aus dem dämmerdunkeln Wald hinaus nach der fernher leuchtenden, sonnenhellen Wiese, immer schneller, wie wenn sie ihren eigenen Gedanken entrinnen könnte. Aber während sie lief, war es ihr plötzlich, als ob sie etwas andres