Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1899-01-01 · 2 (1899) · p. Seite 241

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
2 (1899)
Article
Maskir
Date
1899-01-01
Page
Seite 241 (sequence 38)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111070-3111592--0621-3111878
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

241 Aber „die Wahrheit zuerst, dann die Gescheitheit," das war ihr Spruch und demgemäß sagte sie: „Ich kann da nicht viel reden, aber ich glaube, das hilft nicht viel. Er widerspricht nicht, oder doch so, daß kein Streit entstehen kann, geht still seinen Weg und thut, was er gesagt hat." Martha saß eine Weile in Gedanken versunken. Dann frug sie nach seiner Heimkehr. „Er wird bald zurück sein, er ist nur zu Reb Joine gegangen. Das war nämlich sein Talmudlehrer, dem er davongelaufen ist. Und jetzt feit ein paar Jahren, so oft er hier ist, geht er zu ihm. Wissen Sie, liebes Fräulein, ich glaube, er interessirt sich für ihn, weil er eine fixe Idee hat. Er sagt nämlich immer, daß er aus Palästina stammt, daß er wieder hinfahren muß, weil es seine Heimath ist. Einen Nervenarzt interessirt so etwas." Martha war nun recht verstimmt. Zu diesen fürchterlichen Leuten war er gegangen, zu diesem verrückten Quartett. Dieser Menschen wegen ließ er sie allein, sie, die seinetwegen gekommen war. Ach, Mama hatte Recht, der liebt die Frau nur so nebenbei, neben Reb Joine, Reb Schlome und wie sie alle heißen. — Dr. Seeliger war inzwischen in die Judenhöfe gegangen, um das verrückte Quartett, wie Martha es nannte, aufzusuchen. Trotzdem er in dem kleinen Städtchen jedes Haus kannte, war es doch nicht so leicht, die Wohnung Reb Joines in dunkler Nacht zu finden. Er tastete durch einen langen schmalen Hof, schaute prüfend in die spärlich erleuchteten Fenster, ohne sich jedoch zurecht zu finden. Ein gleichmäßiges Surren und klagendes Recitiren leitete ihn endlich vor eine kleine Thür, an die er leise klopfte. Ein Riegel wurde zurückgeschoben, die Thüre geöffnet und beim fahlen Schein einer Talgkerze sah er Malke, die stets erröthende Frau seines ehemaligen Lehrers. Malke hieß sie, „Königin". Und stattlich wie eine kleine Königin war sie von Gestalt, ttotz des einfachen Hauskleides aus Barchent, das mehr einem Spitalskittel glich, als einem Kleidungsstück. Sie war eben dabei gewesen, ein Bett, das in der Küche stand, zurecht zu machen. Als sie den Besuch erblickte, schlug sie es jedoch rasch zu. 16

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.