Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Hass und Rache
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 278 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111068-3111213--0300-3111527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
278 mir Hand an die Sache legen und das sei'unsere Räche: zu beleben, was sie tödten, aufzurichten, was sie niederreißen. Wer sich zu unserem Volke zählt, er trete her zu mir, die Fahne aber, die uns vereinigt, sie heißt Jerusalem! Nicht mit Heeresmacht, nicht mit draufschlagender Faust, nicht mit Blut und Mord, sondern durch den Geist! Rache wollen wir an unsere Feinde, die Rache des Bundes, den wir von heute bis in die fernste Zukunft schließen, eins dem andern zu helfen, eins das andere zu stützen für unser Volk, für das Ideal unserer Väter! — Während er sprach, erschien er den Versammelten mie ein göttlicher Prophet; freudestrahlend wie zum erlösenden Engel blickten sie zu ihm auf. Zehn Jünglinge in der Tracht der Universitäts-Hörer gaben ihm die Hand unterfeierlichem Eide mit ihm zu ziehen und Leid und Mühsal mit ihm zu tragen. Und als wäre der Messias längst gekommen und hätte sie aus allen Nöthen erlöst ung als hätten sie auf dem Berge Zions den Tempel längst auf unerschütterlichen Säulen errichtet, so leuchtete das Antlitz aller, die das Prophetenwort vernahmen damals und in aller Zukunft. . . . 5? *t» Eine Seele nur gab es in der Stadt, die jetzt im tiefsten Elend war und um den Einzigen jammerte. Es war Ephraims Mutter, die vor Schwiegervater, Gemahl und Sohn ohne Unterlaß weinte, daß ihre Ehre hin sei, daß sie alles Ansehen beim Christen verloren. . . . „Wie soll sie Trank, wie soll sie Speise laben und darf keinen Christengast bei Tisch sie haben?" Wie sollte sie nur ihr Antlitz zeigen, wenn ihr einziger, ihr Sohn ihr und dem neunzehnten Jahrhundert abtrünnig geworden? Sie vergoß Thräne um Thräne, ohne Trost zu finden; denn ihre christlichen Freunde hatten Schadenfreude über ihr Unglück, und auch der Stadthauptmann fragte sie, als er ihr einst auf dem Marktplatz begegnete: Wann sie denn zu ihrem Sohne auf Besuch gehen werde? ... O du bist tief gesunken, du neunzehntes Jahrhundert, wer Hilst dir auf!