Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die jüdische Gesellschaft Berlins im 18. Jahrhundert
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 191 (sequence 2)
- Language
- German
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191 durch ihren Glauben, selbst nachdem sie ihn verlassen hatten, mitbestimmt war. Mendelssohn war im Jahre 1743 nach Berlin gekommen. Er kannte damals kein deutsches Buch und wurde, als er später ein solches benutzte, von den Vorstehern der jüdischen Gemeinde gescholten und bestraft. Einige Jahrzehnte spater bildete er und sein Haus den anerkannten Mittelpunkt der Gesellschaft überhaupt. Wir besitzen darüber ein merkwürdiges Zeugniß in einem Briefe des holsteinischen Philosophen und Politikers Hennings, der, im Jahre 1772 in Berlin verweilend, als Hauptstätten der Geselligkeit das Haus Moses Mendelssohns und die zahlreichen Mitglieder, besonders Frauen, der reichen und angesehenen jüdischen Familie Jtzig nennt. Drei Frauen stellen die Blüthe der Bildung und den Glanz des gesellschaftlichen Lebens jener Zeit dar. Die erste ist Brendel (Dorothea) Mendelssohn, geb. am 24. Oktober 1763, gestorben am 3. August 1839. Vielleicht bezieht sich auf sie eine Anecdote in einem Buche „Der allzeit fertige Schriftsteller", (Berlin 1737, S. 72). „Der edle Mendelssohn bemerkte einst mit Unwillen, daß eine seiner kleineren Töchter einzig Romane las. „Da lies einmal auch etwas Besseres!" ruft er der kleinen Leserin zu und reicht ihr einen Band unierhaltender moralischer Erzählungen. Das Mädchen blättert ein paar Seiten durch und — immer noch nichts für ihr kleines Herzchen, nichts von Liebe und Geliebtwerden. „Pfui, Papachen, Moral!“ ruft sie dem philosophischen Vater mit weinerlichem Tone entgegen und legt ihm das Buch ungelesen auf den Schreibtisch. Sie wurde-von dem Vater, wie in jener Zeit üblich, ohne befragt zu sein, vielleicht sogar gegen ihren Willen, an Simon Veit verheirathet. Ihre Ehe schien Anfangs durchaus glücklich, ihr Vater berichtete, „sie lebten glücklicher, als wenn der Sohn des reichsten Mannes sich großmüthig entschlossen, sich zu ihr herabzulassen." Er war ein vortrefflicher Mensch, verständig, klug in Betrachtung der Dinge des Lebens, feinsinnig in Auffassung der Dinge der Kunst. Die Art, wie er sich gegen seine Frau benahm, die ihn verließ, und gegen die Söhne, die fern von ihm erzogen wurden, ehrt ihn ungemein. Zu seiner Charakteristik möge die folgende Stelle dienen, die er an seinen Sohn Philipp nach der Nachricht von dessen Verlassen des . väterlichen Glaubens schrieb: