Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Eine unbekannte messianische Bewegung unter den Juden
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 160 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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160 zehn Stämme bei den deutschen Juden gehegt, daß selbst die schauerliche Ernüchterung durch die Schrecken und Todesstreiche der Kreuzzüge sitz aus diesem Traume nicht für lange zu erwecken vermochte. Jetzt erst begreifen wir, was Benjamin von Tudela am Schlüsse seines Reiseberichtes uns erzählt, daß er die frommen Gemeinden Deutschlands so tief in die Ueberzeugung vom nahen Anbruch des Erlösungswerkes eingelebt fand, daß sie gleichsam nur auf den Anstoß warteten, um sich zu versammeln und das Land zu verlassen. „Freuet euch, Brüder, so begrüßen sie ihre Gäste aus der Ferne, denn Gottes Hülfe naht im Augenblick. Fürchteten wir nicht, daß das Ende noch immer nicht herangekommen sei, so hätten wir uns bereits zusammengethan, aber noch können wir es nicht, bis die Lenzeszeit angebrochen sein und die Stimme der Turtel vernommen werden wird und die Heilsboten kommen und für immer sprechen werden: Hoch gepriesen sei der Ewige. In ihren Briefen, die sie einander schreiben, sagen sie: haltet fest am Gesetze Moses. Da giebt es Trauernde um Zion und Trauernde um Jerusalem, die Erbarmen von Gott heraberslehen und sich in schwarze Gewänder hüllen und beten?" Es waren nicht hundert Jahre vergangen, seit der schweren Krise, die durch die messianische Schwärmerei der freiwilligen Auswanderung und die so unmessianischen Greuel entfesselter Mordgesellen über sie gekommen war, als Benjamin sie wieder zu neuen Unternehmungen frommer Träumerei reif und gerüstet fand. Und wiederum sollten kaum hundert Jahre ins Land gehen, bis vor dem Schlüsse des dreizehnten Jahrhunderts Schaaren deutscher Juden wieder Haus und Hof verlassen und, von dem Fiebertaumel messianischer Heilsbotschaften ergriffen, in hellen Haufen die Heimath verlassen, unbekümmert um die schweren Folgen, die sie über die zurückbleibenden Brüder bringen mußten, und den Zorn des Kaisers, der wie ein Blitzstrahl das Haupt des größten und verehrtesten Meisters der deutschen Judenheit, Rabbi Meirs von Rothenburg, treffen sollte. So erweist es sich immer mehr, daß die Romanze von den zehn Stämmen keine literarische Fabel, sondern eine tief ins jüdische Leben einschneidende, gar häufig als treibende geschichtliche Macht auftretende Ueberzeugung und Erwartung des jüdischen Volkes in allen Theilen der Diaspora, ganz besonders aber in den durch ihre Frömmigkeit sprüchwörtlich gewordenen