Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Ein Besuch bei den "Leuten der Gasse" in Palma
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 135 (sequence 4)
- Language
- German
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135 letzten Hunderte in den Schoß der Kirche auf, zur Hellen Freude der Geistlichkeit und der Bevölkerung." „Und was geschah weiter?" „Seit jener Zeit gab es auf der Insel keine Juden mehr, keine Synagogen, keine jüdischen Lehrer. Es verblieben nur noch die Abkömmlinge, die man die „Leute der Gasse" nennt (1a gente de la calle), oder kurzweg „la clase“. Bei diesen Worten zuckte der bereits in Aufregung versetzte Mann zusammen, doch fand er insoweit seine Fassung wieder, um mich zu fragen, wer ich sei, der ich das alles so genau wüßte? „Nun, ich gehöre jenen an, die Tod oder Auswanderung vorzogen einem Leben, das man nur durch Treulosigkeit erkaufen konnte." „Wie, Sie sind ein Jude?" „Allerdings." Dem Manne gingen die Worte aus, und er zog sich scheu und verwirrt zurück. Kein Zweifel, ich hatte einen Sohn der Gasse gesehen. Das Schiff warf Anker im Hafen von Palma. Das südöstliche Ufer entlang haben sich eine lange Reihe cylindersörmige Windmühlen aufgepstanzt, die in ihrem säuberlich weißen Kleide und mit ihren weit ausgespannten Flügeln ein Rad schlagend die Ankunft unseres Schiffes begrüßen. Mit seltsamen Gefühlen stieg ich ans Land. Das scheue Zurückziehen des Palmesaners hatte mich in eine düstre Stimmung versetzt. Kaum hatte ich mein Quartier bezogen, so eilte ich hinaus, um eine Wanderung durch die Stadt zu unternehmen. Ich ging zunächst durch die Montesionstraße, die frühere Hauptstraße der Juden, passirte das Montesionkloster, einst eine der drei Synagogen, von denen die anderen in die Kirche von 8. Fe und das Kloster de la Misericordia (heute die Banca balear) verwandelt wurden. Alle befinden sich in dem früheren Judenviertel von Calatrava, Call und Bartolome. Ich konnte mit Gleichmuth die Gebäude betrachten, denn die darin den Namen des Einzigen anriefen, hatten ja dieses Land verlassen; aber ein unsagbarer Schmerz ergriff mich, als ich zu den Stätten kam, wo die Zwangstäuflinge den Märtyrertod erlitten. Das Jesusthor,