Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Kohélet
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 82 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Sonst vermöchte der Verfasser-durch die Schilderung der Sitten jener Zeit den Gedanken nicht aus einen ganz bestimmten Zeitpunkt zu leiten. Was man aus der Schilderung ersieht, ist Folgendes: Judäa war nicht länger ein selbstständiges Reich, sondern eine Provinz. Der Tempel in Jerusalem existirte und die Gottesverehrung stand in Macht. In Jerusalem gab es ein Königsgeschlecht und einen Hof, der üppig und ausschweifend lebte; die niedere Bevölkerung war unterdrückt und mißhandelt, unwürdige Emporkömmlinge gelangten zu Ruhm und Glanz. Der Verfasser eifert gegen jene, die nach dem Scheine außerordentlicher Frömmigkeit streben, heilige Gelübde ablegen, die sie hinterher selten halten, Gott mit langen Gebeten ermüden u. s. w.; dies deutet auf eine Zeit, wo man sich nicht damit begnügte, die ursprünglichen Vorschriften der Religion pünktlich einzuhalten, sondern Gewicht auf einen äußerlich gehenden Pietismus legte. Die Lebenszeit des Verfassers ffillt offenbar zusammen mit den ersten Vorboten der Bildung der religiös-nationalen Partei, die ihn durch ihre nationale Tendenz auch nicht angesprochen hat. Ebenso wenig fühlte er sich, wie wir sahen, durch die Sekte der Essäer angesprochen. Ihr Verkünden der Entsagung als Pflicht, ihre Aechtung des Lebensgenusses, ihre Beschäftigung mit der Vorstellung eines Lebens nach dem Tode sind ja der Gegenstand seiner unaufhörlichen Angriffe. Sie scheinen ihm die schlimmsten der „Thoren", von denen er stets spricht. An vielen Punkten erinnert Kohelet, wie oft nachgewiesen worden, an die griechischen Kyrenaiker, an die genußliebende Schule des Aristippos. Nur hatte dieser die Wissenschaft vor ihm voraus. Man findet sein Werk frühestens zuerst im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erwähnt und ungefähr 130 n. Ehr. erst ins Griechische übersetzt. Das Buch wurde da als alter Text geehrt. Man glaubte, die Schrift sei von Salomo verfaßt und als sie übersetzt wurde, war ihr Glück gemacht; sie wurde kanonisch. Grotius war der Erste, der Anstoß an Kohelet nahm (wie am Hohelied). Die Ideen des Verfassers sind in all ihrer Originalität