Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Lehre uns unsere Tage zählen
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 54 (sequence 1)
- Language
- German
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Kehre uns unsere Tage zählen. Der Psalm 9V. Von H. Steinthal. ^)ieser Psalm wird in der Tradition dem „Mose, dem Manne Gottes" zugeschrieben, wodurch wohl ausgedrückt werden sollte, daß derselbe aus der ältesten dichtenden Zeit stamme und so gewaltig sei, daß kein andrer Sterblicher ihn gedichtet haben könne, als der einzige Moses selbst. Die Kritik will nur zugestehen, daß er einer der ältesten Psalmen ist, und sieht den Beweis dafür weniger in den einzelnen Wörtern, die derselbe mit andern Stücken der Bibel gemeinsam hat (und die wir ebenfalls aus Gründen für relativ alt halten müssen), auch nicht, und noch weniger, in der Beziehung auf die Wanderung Israels durch die Wüste, wovon nirgends eine Andeutung, als vielmehr in Form und Inhalt des ganzen Hymnus. Das Verständniß wird erschwert durch die Unbeholfenheit, in welcher die Gedanken, ohne deren Zusammenhang anzudeuten, nur in schroffem Uebergang einander folgen. Es ist ein Cyclopen-Bau, wo die Steine nicht lotrecht (logisch) über einander geordnet sind, sondern wie formlose ohne Mörtel auf einander gehäufte Feismassen sich gegenseitig durch ihr Gewicht tragen.*) Das läßt sich am leichtesten durch hohes Alter erklären, obwohl auch in der besten Zeit einer Literatur ein etwas unbeholfener Schriftsteller möglich ist. Aber auch der Inhalt weist auf hohes Alter, die Erhabenheit; und daneben findet man vielleicht, daß die Frömmigkeit des Dichters noch nicht die Tiefe der großen *) Daher wird nicht leicht ein Erklärer zur Sicherheit gelangen, daß er des Dichters Sinn genau getroffen hat.