Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Die Psalmen in der Weltliteratur
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 53 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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53 Kammer tritt, und sich freut wie ein Held zu laufen den Weg! Auch von einer andern Art der Dichtung finden wir in dem Psalter Juwelen ohne Gleichen, von der gnomisch-didaktischen Dichtung. Eine ganze Anzahl von Psalmen gleichen Perlenschnuren, wo sich die tiefften Sentenzen, die herrlichsten Gedanken an einanderreihen wie Perle an Perle. Ueberall wohin wir auch schauen, ein reicher Himmel, Stern bei Stern, ein unerschöpflicher Schatz. Wie die Psalmen für jede Situation des Lebens uns das besieiende Wort bieten, das habe ich selbst erst kürzlich erfahren und darüber gestatten Sie mir noch zum Schlüsse eine kurze persönliche Bemerkung. Wer Tage und Woche» gebangt und gesorgt hat um das ihm theuerste Leben auf Erden — schon ist er gefaßt, es hergeben zu müssen,' da wendet es sich zum Besseren, der Todesengel, der bereits seine düsteren Schwingen über das Opfer gebreitet hatte, hebt sich von dannen und das Leben kehrt zurück —: wer könnte, was in einem solchen Moment sein tiefbewegtes Herz bestürmt, -anders aussprechen als mit dem Psalmwort: „Wir haben -einen Gott, der helfen kann, und der Herr weiß Auswege auch für den Tod" sPs. 68, 21s. Die Psalmen sind das Gebet- und Gesangbuch Israels; wie Israel das Volk der Religion schlechtweg ist, so sind sie das Gebet- und Gesangbuch der ganzen Welt, verdienten wenigstens, es zu sein. Sie sind von dem vielen Kostbaren, was Israel der Menschheit gegeben hat, vielleicht das Kostbarste. Sie tönen fort und werden forttönen, so lange es noch Menschen giebt, nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, in deren Herzen das heilige Feuer der Religion leuchtet und glüht; denn sie sind die Wort gewordene Religion selbst. Auch für sie gilt, was einer ihrer Herrlichsten von der Offenbarung Gottes in der Natur sagt: „Das ist keine Rede noch Worte, deren Laut unverständlich wäre; über alle Lande geht ihr Bereich und bis ans Ende des Erdenkreises ihre Rede" sPs. 19, 4—5]. Die Wort gewordene Religion selbst flir die ganze Menschheit, das ist die Bedeutung der Psalmen in der Weltliteratur.