Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1898-01-01 · [1] (1898) · p. 53

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
[1] (1898)
Article
Die Psalmen in der Weltliteratur
Date
1898-01-01
Page
53 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3111067-3111068-3111200--0062-3111302
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

53 Kammer tritt, und sich freut wie ein Held zu laufen den Weg! Auch von einer andern Art der Dichtung finden wir in dem Psalter Juwelen ohne Gleichen, von der gnomisch-didaktischen Dichtung. Eine ganze Anzahl von Psalmen gleichen Perlenschnuren, wo sich die tiefften Sentenzen, die herrlichsten Gedanken an einanderreihen wie Perle an Perle. Ueberall wohin wir auch schauen, ein reicher Himmel, Stern bei Stern, ein unerschöpflicher Schatz. Wie die Psalmen für jede Situation des Lebens uns das besieiende Wort bieten, das habe ich selbst erst kürzlich erfahren und darüber gestatten Sie mir noch zum Schlüsse eine kurze persönliche Bemerkung. Wer Tage und Woche» gebangt und gesorgt hat um das ihm theuerste Leben auf Erden — schon ist er gefaßt, es hergeben zu müssen,' da wendet es sich zum Besseren, der Todesengel, der bereits seine düsteren Schwingen über das Opfer gebreitet hatte, hebt sich von dannen und das Leben kehrt zurück —: wer könnte, was in einem solchen Moment sein tiefbewegtes Herz bestürmt, -anders aussprechen als mit dem Psalmwort: „Wir haben -einen Gott, der helfen kann, und der Herr weiß Auswege auch für den Tod" sPs. 68, 21s. Die Psalmen sind das Gebet- und Gesangbuch Israels; wie Israel das Volk der Religion schlechtweg ist, so sind sie das Gebet- und Gesangbuch der ganzen Welt, verdienten wenigstens, es zu sein. Sie sind von dem vielen Kostbaren, was Israel der Menschheit gegeben hat, vielleicht das Kostbarste. Sie tönen fort und werden forttönen, so lange es noch Menschen giebt, nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen, in deren Herzen das heilige Feuer der Religion leuchtet und glüht; denn sie sind die Wort gewordene Religion selbst. Auch für sie gilt, was einer ihrer Herrlichsten von der Offenbarung Gottes in der Natur sagt: „Das ist keine Rede noch Worte, deren Laut unverständlich wäre; über alle Lande geht ihr Bereich und bis ans Ende des Erdenkreises ihre Rede" sPs. 19, 4—5]. Die Wort gewordene Religion selbst flir die ganze Menschheit, das ist die Bedeutung der Psalmen in der Weltliteratur.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.