Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- [1] (1898)
- Article
- Jahresrückblick
- Date
- 1898-01-01
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
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IahresriickMck. Von Martin Philippson. Israeliten West- und Mitteleuropas sind seit nunmehr zwei Jahrzehnten in einem Kampfe begriffen, der freilich sie nicht unmittelbar an Leib und Leben bedroht, wie im Mittelalter, aber sie sonst um so schmerzlicher erregt, je überraschender er sie traf, und je empfindlicher im letzten Jahrhundert ihr Ehrgefühl und ihre Vaterlandsliebe geworden sind. Ein übertriebenes, falsch verstandenes Nationalitätsprinzip verfolgt sie allerorten als Fremde, als Eindringlinge — gerade wie infolge desselben Chauvinismus die Deutschen in Rußland, Böhmen, Ungarn angefeindet, die Deutschen, Belgier, Italiener in Frankreich bekämpft werden. Ueberall eine schwache, in manchen Ländern eine verschwindende Minderheit, haben die Juden dem Haß und Hohn keine anderen Waffen entgegen zu setzen, als Beharrlichkeit bei ihrem Stamme und Glauben sowie die Berufung auf die ewigen ethischen Grundsätze der Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, der Freiheit und Menschenliebe. Jndeß wir dürfen nicht vergessen: diese Prinzipien tragen schließlich in der Neuzeit immer den Sieg davon, aber oft erst nach langem, vielleicht Jahrhunderte währenden Ringen. Ein Jahrhundert ist wenig für die Weltgeschichte, aber sehr viel für das Leben der einzelnen Generationen. Also brauchen wir Ausdauer und Geduld, Enthaltung von voreiliger Zuversicht und von Unterschätzung der Kraft unserer Gegner. In Deutschland hat der aktive, lärmende Antisemitismus offenbar Niederlagen erlitten. Die persönliche Unwürdigkeit vieler seiner Führer, wie sie sich in den gerichtlichen Verurtheilungen eines Hammerstein und Stöcker, eines Leuß und