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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 165

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Der Glaube des Ungläubigen
Date
1928-01-01
Page
165 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen glaubhaft in jedem Fall. Solchen Anfechtungen gegenüber gilt ihnen festzustellen, „was ist": es „ist" der geordnete Wirtschaftsbetrieb draußen und der geordnete Glaubensbetrieb drinnen, diese beiden großen, alles beherrschenden Mächte des Menschen, die heute noch die veralteten Namen „Welt" und „Seele" tragen. Auf sie bezieht sich die goldene Regel, jenes gesunde Lebensprinzip, das zugleich die Kampfdevise gegen alle Umstürzler, Ketzer und Ungläubige ist: Getrennt marschieren und vereint schlagen. In beiden Funktionen hat diese Regel sich bisher mit größtem Erfolg bewährt. Die anderen, die solche Erfolge nicht aufzuweisen haben, die Revolutionäre und Gegenrevolutionäre (gegen den geordneten Betrieb, der sich noch Revolution nennt), die Ungläubigen und ewig Unzufriedenen, immer bedroht von Untergang und Chaos, kletternd von Abgrund zu Abgrund, leben unter dem gleichen Sternenhimmel wie jene: unter den Sternen, die auch ihr Glaube sind, und mit dem Gesetz in ihrer Brust, das auch sie für das ihre halten. Auch der Ungläubige kann nur leben, solange er glaubt, ans Leben glaubt, sich nicht dem Nichts ausliefert. Was aber seinen Glauben von dem des Rechtgläubigen unterscheidet, ist das Wissen vom Chaos, von Untergang und Abgrund, seine ewige Unsicherheit, der ständig pochende Herzschlag seines Zweifels, die unabwendbare Not seines Zwanges zu unausgesetzter Bewährung, sein Kämpfenmüssen bis zum letzten Atemzug. Die Rechtgläubigen brauchen den Lehrer oder Führer, damit er ihnen aufs neue oder noch einleuchtender bestätige, was sie ohnedies wissen; die Gläubigen aus Not, die aus der Tiefe ihres Unglaubens zum Himmel schreien, rufen nach dem Retter aus dem Abgrund, in den sie fallen. Sie versinken, zumal in ihrer Jugend, wenn sie ohne Führer bleiben. Doch wenn sie nicht durch ihn (ebensowenig wie durch andere, die alle nur Helfer im Einzelnen und für Stunden oder Tage, nie für die Ewigkeit und für die unmeßbare Ganzheit eines Menschenlebens sein können) zum rechten Glauben kamen, wenn sie dem Glück oder der Gefahr der Jüngerschaft entrinnen konnten, beginnt für sie das schmerzliche Erlebnis der scheinbaren Untreue gegen den Helfer, der nicht immer helfen kann und es auch nicht darf; nicht anders wie der Schüler seinem Lehrer, das Kind den Eltern untreu werden muß. Was bleibt, ist Dankbarkeit und Erinnerung. Vielleicht erinnern sich noch andere aus unserer Generation der Abgründe und Gefahren unseres zionistischen Weges, den wir bisher gingen und den — mit anderen Ab- und Umwegen ■— der gläubig-ungläubige Jude heute noch immer gehen wird: Rassenfanatismus und zoologisch-anthropologische Lebensauffassung; völkischer Imperialismus und nationalistischer Hochmut; militaristische Gewalttheorie und irreal - pazifistischer Doktrinarismus; Ghettobejahung und Menschheitsbeglückungswahn; Primat der Wirtschaft und Diktatur des reinen Geistes; Jüdischkeit und Humanismus; schrankenlose Bejahung des heutigen jüdischen Zustands und wildester Selbsthaß. — Es läßt sich hier nicht alles aufzählen. Wer dieses weiten und schweren Weges gedenkt, erinnert sich auch Martin Bubers, des Helfers und Führers aus mancher Not der Jugendzeit. Der zionistische Glaube des Ungläubigen, dieser immer wieder neu erkämpfte 165

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