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Der Jude · 1928-01-01 · 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag · p. 156

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Journal
Der Jude
Volume
10 (1928)
Issue
1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
Article
Lebensfrömmigkeit
Date
1928-01-01
Page
156 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Martin Buber Dreihundertstel seines Einkommens dem Keren Hajesod geschenkt hat. Und doch ist diese unter allen Gemeinschaften, mit denen er zu schaffen hat, die bedrohteste, die einzige, die nicht bloß in ihrer gegenwärtigen Erscheinungsform, sondern in ihrer vitalen Substanz bedroht ist. „Gott spricht", schreibt Wilhelm Michel, „auch in der Geschichte." Es ist mein Glaube und meine Erfahrung, daß eben aus diesem Bedrohtsein des Judentums, das an seinen innersten Kern rührt, Gottes Geschichtsstimme spricht. Die wohl den Menschen anruft, die Geschichte in ihrer Wirklichkeit aufzunehmen, aber nicht um sie hinzunehmen. Gott meint nicht die geschehene, sondern die geschehende Geschichte; nicht die gewirkte und verwirkte, sondern die wirkende Wirklichkeit und die neu zu wirkende. Und wenn dieses Element „Judentum" in seinen chemischen Verbindungen unherausholbar aufzugehen droht (sei es oder sei es nicht „Nation": ohne die Fundamente des Bios und der Societas kann kein „jüdischer Geist" bestehen bleiben), dann stößt doch wohl eben damit Gottes Hand durch den Schutt an die verschütteten Kräfte vor, sie aufzuerwecken, zu einem Werk der Rettung. Wilhelm Michel scheint ja freilich nicht bloß eine Lebensfrömmigkeit des Juden, sondern auch eine Sterbensfrömmigkeit der Judenheit zu wünschen. Aber wenn Gott mir eine Krankheit zuschickt, die mir den Tod bringen kann, — ob er mir damit Ergebung gebietet oder eine Gegenwehr aus den verborgenen Wesensenergien, damit aus beiden zusammen, Angriff und Abwehr, eine leibhafte Erneuerung meiner Person sich erzeuge, das ist eine Sache des Geheimnisses zwischen Gott und mir; und die mag es bleiben, bis Gott der Welt offenbart hat, was er meinte, das Sterben oder das neue Leben. Justizrat X. aber . . . Wie Sie wissen, steckt meiner Anschauung nach jeder Mensch frisch in Adams Situation — nun, nachdem Gott gesprochen hat: Wo bist du? versteckt sich Adam nicht mehr; der Justizrat erst recht. * . . . Ob die „Assimilation" eine Idee hat? Gewiß hat sie eine, und Michel hat die Seele dieser Idee gemalt. Aber ob sie damit, daß sie diese Idee hat, auch Wahrhaftigkeit und Frömmigkeit hat? Nein. Denn eine Wahrhaftigkeit zum Um-Bezirk des inneren Seins, die durch Vernachlässigung des Ur-Bezirks zustande kommt, ist keine, und eine Frömmigkeit, die Gottes Stimme nicht aushört, sondern nach dem ersten Satz unterbricht: „Ja, ja, wir wollen dir gehorchen" und beim zweiten nicht mehr anwesend ist, ist vielleicht weniger als keine. 156

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