Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Lebensfrömmigkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 155 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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„Lebensfrömmigkeit" ohne die zu dem, was werden soll, die zu dem, was einem gegeben ist, nicht ohne die zu dem, was einem aufgegeben ist, Schicksalsfrömmigkeit nicht ohne Zukunftsfrömmigkeit. Wenn man die eine von der anderen trennt und als in sich genügend betrachtet, oder auch nur wenn man alles Licht auf die eine sammelt und die andere im Dunkeln läßt, verkennt man den Platz und die Bestimmung des Menschen, und die Gefahr liegt dann nah, daß man ihn falsch führt — daß man betäubt, wo man anstacheln, das scheingute Gewissen bestärkt, wo man es erschüttern sollte. Dergleichen würde Wilhelm Michel, dieser rechtschaffene, herzensmutige, wirklichkeitstreue Deutsche, den Deutschen gegenüber niemals begehen; den Juden gegenüber merkt er eben nicht, was er mit seinen —■ an sich echten und schönen — Worten tut. Wie ist es denn — ich sehe von den wenigen „assimilationsproduktiven" Juden ab, die ein Kapitel für sich sind, freilich auch sie ein Kapitel desselben Buches — um einen ehrenhaften, ja distinguierten Vertreter des „Assimilations"-Judentums, sagen wir: um den Justizrat X., wie steht es um sein tatsächliches Leben? um seine tatsächliche Lebensfrömmigkeit? Wie stellt sich lebensmäßig sein Verhältnis zu seiner Seele und sein Verhältnis zur Welt dar? An seiner Seele hat er eine Zweiteilung vorgenommen: was in ihm aus seiner Umwelt stammt und ihr einstimmt, das wirkt er im Konkreten aus; was in ihm aus der Vorwelt herkommt (und das ist ja der Wurzelgrund der Seele!), das befriedigt er in abstracto, d. h. er scheidet es, eifrig auf die Erhaltung der Illusion einer Verwirklichung bedacht, von der Wirklichkeit ab, hält es im „Geist" eingehegt; und wo es, dem Wesen des Ortes nach, der Abstraktion widerstrebt, wie in der Familie, bei etlichen im Gottesdienst noch, wird es eben als ein, sei es intimes, sei es sakrales, Sondergemach vom Rest der Existenz getrennt. So die „Lebensfrömmigkeit" des Mannes im Verhältnis zu seinem Selbst. Und zur Welt? Nun, die Ansprüche jeder Gemeinschaft, der er sich zuzählt, jeder Gemeinschaftssache, in deren Dienst er getreten ist, an ihn wird er so verstehen, daß er sich personhaft für sie einzusetzen habe, heiße diese Gemeinschaft Partei oder Staat oder Menschheit. Nur eben jener Gemeinschaft, die als biologisches, soziologisches, historisches Objektivum jenem Wurzelgrund seiner Seele entspricht, nur eben dieser Gemeinschaft — ach, es ist so gleichgültig, ob man sie als Nation oder als Nationalität oder nur mit ihrem Eigennamen bezeichnet, sie ist ja doch dieses Unikum, Israel! —, nur eben ihr meint er genuggetan zu haben, wenn er em Hundertstel seiner Zeit der Gemeinderepräsentanz und ein 155