Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Aus Einsamkeit in Einsamkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 153 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110821--8400-3111020- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus Einsamkeit in Einsamkeit Gott ward seine Einsamkeit über den Welten gleichsam zu viel und er schuf den Menschen in seinem Ebenbilde, als Genossen seiner Einsamkeit, als Echo seiner Schöpfung. Und der Mensch, wie sollte er seine Einsamkeit ertragen, wenn er nicht Gott, den Ur- Einsamen, hätte, um mit ihm die Einsamkeit zu teilen, die Seele vor ihm auszubreiten, in Schauern und Sehnsucht ihn zu preisen? Nur auf einsamem Weg gesellt sich der einsame Mensch zu Gott, dem Ur-Einsamen: Nur in einsamer Guttat; nur in einsamer Anbetung, auch in der Menge der Beter einsam; nur im einsamen Kunstwerk. Von den Kunstwerken das einsamste ist das Haus Gottes. Denket: Aus harten, stummen Steinen in tief geheimnisvoller Linienführung ein Etwas zu bauen, daraus die Seele des Menschen offenbar wird — in der Art, wie sie den Ur-Einsamen schaut über seinen Welten, wie sie sich nach ihm verzehrt, wie sie ihm huldigt! Welche Fülle einsamer Kraft, nicht von dieser Welt, dies voraussetzt! Oh, Heil dem Volke, das auch darüber verfügt, das auch in gemauerten Gleichnissen seine Menschen-Einsamkeit in die Gottes ergießt. * Und Israel — wendet Ihr ein — doppelt einsam in seiner Menschen-Einsamkeit und in der besonderen Einsamkeit seiner Gottesvolkschaft, das Volk einsamen Zeugnisses für Gott, das Volk des ersten Echos auf Gottes Sehnsuchtsruf an den Menschen, das Volk, dem unstillbares Verlangen nach dem Ur-Einsamen aus den Psalmen klingt, aus den Prophetenworten donnert, aus den Lehren seiner Weisen singt und sagt? Es hat mit seiner reichen einsamen Kraft doch niemals auch in gewaltigen Gleichnissen aus Steinen und Ziegeln zu Gott gesprochen. Es hat doch immer vorgezogen, den Psalmen, den Prophetenworten, den Lehren seiner Weisen in Häusern zu lauschen, in deren Linien nicht seine Seele, die einsamste, schwingt! Es hat, das einsamste Volk des Ur-Einsamen, auf die einsamste Kunst zu dessen Preise verzichtet — auf eine Kunst, in der es keine Fallen gibt! Ihr meint, es fehlte und fehle das Können. Oh, sagt es nicht! Ein Volk, dem die Welt ein mächtiger, wunderbarer Bau ist, der des Erbauers Plan und Wille in jedem Teilchen zeigt, ein Volk schöpferischen Weltenernstes, — und ihm sollte nicht gegeben sein, den geheimen Sinn jenes Baus und die Sehnsucht nach Gemeinschaft mit seinem Erbauer auch in der Sprache der weltenernstesten Kunst Ausdruck zu verleihen? Gewiß, was war, das war und mußte wohl so sein. Die Überwucht von Aufgabe und Geschichte machte es stumm für die tiefsinnige Rede stummer Mauern. Aber es muß nicht stumm bleiben. Es darf nicht stumm bleiben. In dem 153