Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Über die Theologie des Sabbatianismus im Lichte Abraham Cardozos
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101220-3101222-3110818--8366-3110991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gerhard Scholem den sie jeden zurückstößt, der über die Religionsgeschichte des Judentums bei ihr Belehrung sucht. Nirgends tritt es sichtbarer hervor als am Sabbatianismus, daß mehr als der historische Schauplatz einer Bewegung, wie er in historischen Daten zu beschreiben ist, ihr metaphysischer Schauplatz, der sich in ihren theologischen Voraussetzungen eröffnet, den Schlüssel zu ihrem Verständnis liefert. Was eigentlich im Grunde hier mitten im Herzen des Judentums passiert ist, mußte stets völlig unklar und rätselhaft erscheinen, solange man die Theologie dieser Bewegung und ihre Beziehung zu der des zeitgenössischen Judentums ohne sachlichen Ernst betrachtete. Die Theologie des Judentums im 17. Jahrhundert aber war die lurjanische Kabbala — bis heute noch eine der stärksten pieces de resistance der Wissenschaft vom Judentum. Und jenen einzigen Religionshistoriker des Judentums — außer Krochmal, der für diese Periode nicht in Betracht kommt —, den überhaupt ein echtes theologisches Interesse leitete: Abraham Geiger hat die verheerende Plattheit seiner Intention an begrifflicher Erfassung jenes Schauplatzes der sabbatianischen Bewegung gehindert. So ging es ihr, wie es lange genug der Gnosis erging: ihr Bild wurde von ihren Gegnern, den Polemikern und Ketzerbestreitern bestimmt. Und daß in solchem Bilde die Tiefe einer, sei es noch so abwegigen Intuition nur zu leicht in seichtes Geschwätz umgeleitet wird, ist der Religionsgeschichte peinvoll bekannt. Selbst als man in neuerer Zeit auf die Schriften der Sabbatianer selber aufmerksam wurde, feierte jener Mangel an theologischem Interesse seinen letzten traurigen Triumph: man benutzte sie wohl in dem, was sie an Dokumentarischem zu liefern imstande waren, das eigentlich Sachlich-Theologische aber blieb links liegen. Bis heute noch ist kein einziger größerer Traktat aus der Feder offener Sabbatianer unverkürzt gedruckt — es existieren deren genug! — und manche Äußerungen der Historiker, mit denen sie über solche theologischen Darlegungen, in denen das Innerste der Bewegung nach Ausdruck ringt, zur Tagesordnung übergehen, sind erstaunlich. So begreift sich die Unsicherheit, die die geschichtsphilosophische Würdigung dieser Häresie beherrscht. Von wem die Gedankengänge stammen, von denen hier die Rede sein soll, ist nicht bis ins letzte klar und wird es wohl kaum je werden. Im Grunde ist es gleichgültig. Daß sie von Sabbatai Zewi selbst stammen, ist so gut wie ausgeschlossen. Von ihm scheint, soweit man heute urteilen darf, die Theorie derer herzurühren, die das Judentum verlassen haben — aber die eigentliche Problematik, von der hier gehandelt werden muß, zeigt diese Theorie gar nicht auf, die darauf hinausläuft, daß mit dem Erscheinen Sabbatai Ze- 124