Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Einleitung zu einer geistigen Betrachtungsweise des Hebräischen
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 122 (sequence 6)
- Language
- German
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Ernst Müller H-L (auch in den indogermanischen Sprachen): Helle („Helal" Morgenstern), Lobgesang (Halel), also das Lautliche und Klangliche in gemeinsamem Ursprung empfunden. G-L: rund (ägol), Welle, Kugel, Tropfen (egel), wälzen (galaJ); Keimform (golem). Schwieriger ist D-W-R (Dawar), zunächst Wort und Ding (wieder bedeutsam für die realistische Auffassung des Wortes), Allerheiligstes (D'wir); Führung (im Aramäischen); Wüste (midbar); Biene (Deworah); Seuche (Dewer). (Gewiß ist in bezug auf die letzten Begriffe ein Zusammenhang bereits sehr fraglich.) Man kann schon an solchen Beispielen sehen, wie man mit der sinnlichen Erklärung der Wortstämme nicht ausreicht und hinter den einzelnen Bedeutungen auf elementare Ursprünglichkeiten zurückgehen muß, die zugleich geistig und doch nicht abstrakt sind. Die Spur dieses Urgeistig-Elementaren ist nun auch in Erscheinungen der Satzfügung und des Sprachstils erhalten. Die Prophetensprache z. B. ist in dieser Hinsicht geradezu der Gegensatz der klassisch-griechischen. Die einzelnen W^orte und Satzteile stehen da noch monumental nebeneinander und ihr innerster Zusammenhang ist eigentlich gar nicht in den Fluß der Sprache herabgestiegen, sondern ist jenseits in dem verborgenen Strome zu suchen, dessen Organ erst der Sprechende ist. Das Fehlen von Nebensätzen (außer den auch sehr ins Absolute gewendeten Relativsätzen), der gelegentliche satzartige Gebrauch der Infinitive und anderes sind in dieser Hinsicht für das Hebräische überhaupt charakteristisch. Freilich hat nun gerade in bezug auf den Sprachstil das Hebräische die geschichtlichen Wandlungen des Exils erfahren. Von der Zeit an, da die Sprache nicht eigentlich mehr gesprochen und lange vor dem Falle des zweiten Reiches durch das Aramäische verdrängt wird — so, als ob das Volk nicht mehr die Geistigkeit seiner Sprache tragen könnte —, erfährt die vor allem nur als religiöse und literarische lebendige Sprache wesentliche Wandlungen. Sie trägt den Stempel der Nüchternheit in der talmudischen und rabbinischen Literatur, der Künstlichkeit in der mittelalterlichen Dichtung und behält noch den Charakter einer halb abgeklärten, halb spielerischen Weisheit in Aggada und Kabbala. Und das moderne Hebräische, über das ja in diesem Zusammenhange nicht mehr gesprochen werden kann, nimmt Elemente des modernen Denkens im weitesten Sinne in sich auf. Als eine wesentliche Spur der urzeitlichen Beziehung zur Sprache überhaupt verbleibt ein gewisses Fortbestehen der zen- 122