Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zur Problematik des Bösen und des Rituals
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 111 (sequence 3)
- Language
- German
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Zur Problematik des Bösen und des Rituals Aber das Zeremonialgesetz, die Gesetzreligion! Für den jüdischen Ritus kennzeichnend, daß er nicht als System auftritt. Daß er sehr oft in der Form des Beispiels, des ganz individuellen Vor-Lebens überliefert' wird, daß er erst später, aus Achtung vor dem, der zum erstenmal diesen Ritus für sich persönlich eingeführt hat, allgemein nachgeahmt wird. Unzähligemal heißt es im Talmud: Rabbi A. pflegte jedesmal usf. — oder Rabbi B. hatte die Gewohnheit, diese oder jene Reihenfolge einzuhalten. — Durch die Diskussion dieser individuellen Gewohnheiten blieb das Interesse wach, wie die wahrhaften Meister ihr Leben eingerichtet hatten. Aus ähnlichen Gründen lesen wir die Tagebücher Hebbels, Grillparzers, die ja allerdings in vielem scheiterten, die gar nicht prätendieren, ein vollkommenes Leben geführt zu haben. Mit wieviel brennenderem Interesse würde man jede, auch die scheinbar geringfügigste Äußerlichkeit aus dem Leben eines Mannes, der der Heiligkeit nahekam, studieren und nach Tunlichkeit, den eigenen kleineren Kräften angepaßt, nachzuahmen suchen! Formell verpflichtend sind natürlich auch die Riten des Judentums, hierin muß das Judentum als offizielle Religion organisatorisch denselben Weg gehen wie die anderen offiziellen Religionen auch. Aber inhaltlich ist der Unterschied, daß hinter den jüdischen Riten kein System steht, sondern die Geschichte eines Volkes, die Individual-Gotteserlebnisse großer Repräsentanten jüdischen Geistes, mithin das Leben selbst. Es wird daher immer möglich sein, diese Riten im Sinne des wirklichen Geschehens, der weiterfließenden Geschichte, ja für die seelische Sphäre jedes Einzelnen umzubilden. Die ganze ungeheure Kommentarienliteratur scheint im Grunde diesem Zweck, dem Lebensprozeß, zu dienen. FRIEDRICH THIEBERGER Bte neue Öiäubigfcett Die Bedeutung Bubers für die geistige Phase des heutigen Judentums läßt sich nicht durch seine Entdeckung irgendeiner Idee oder durch das Echo einer neuen Lebensforderung erklären. Es wäre zu wenig. Ideen und Forderungen, deren Fülle wir von den ersten Reden bis zum Vorwort der chassidischen Bücher in wachsenden Maßen erfahren haben, sind Denkstücke mit allen Möglichkeiten eines umstreitbaren Für und Wider. Es wäre aber auch darum zuwenig, weil nicht erst abgeleitete, sondern ganz ursprüngliche Ideen und Forderungen anderer — man überschaue nur das gegenwärtige europäische Schrifttum, soweit es den Juden in eine mensch- 111