Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Zur Problematik des Bösen und des Rituals
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 110 (sequence 2)
- Language
- German
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Max Brod besondere Werte und Schönheiten lägen, die durch Richtung vernichtet werden? Ein mir gerade jetzt besonders naheliegendes Beispiel: Es gibt für mein Gefühl nichts Sinnloseres als die Leidenschaft der Trunksucht. Aber der geniale tschechische Humorist Jaroslav Haschek war Trinker, ging als junger Mensch unter im Delirium — und doch kann ich nicht glauben, daß er auch als wohlgesitteter und auf sein langes Leben bedachter, geordneter Mann diese wüste, aus allen Poren Kraft und Behagen und Erdgebundenheit hervorschwitzende Gestalt seines braven Soldaten Schwejk hätte schaffen können. Nur das besondere, tolle und scheinbar sinnlose Leben des Autors konnte so Besonderes, Echtes gebären. Und aus welchen Spannungen entstehen andere Genietaten in künstlerischen, in politischen Dingen! Spannung aber gibt es überall,wo man „Gott dient auch mit dem bösen Trieb". Das ist keine Abwehr des Bösen, sondern seine Aufnahme in den Dienst. In einen freilich sehr individuellen Gottesdienst, der das ganze Leben mit allen seinen grauenhaften Unregelmäßigkeiten, mit seinem Ausgleiten, seinen Gefahren und Untergängen umfaßt. Was ist göttlich an solch einem Leben, was berechtigt noch zu dem Oberbegriff „Gottesdienst"? Schwer, in diese Tiefen einen Blick zu tun. — Das Entscheidende vielleicht: ob auch solch ein Leben immer noch auf Gott bezogen bleibt. Hier berühre ich mich mit einem anderen Grundgedanken Bubers. Dasselbe „Geleitwort": „Die große Tat Israels ist nicht, daß es den einen wirklichen Gott lehrte, der Ursprung und Ziel alles Wesens ist, sondern daß es die Anredbarkeit dieses Gottes als Wirklichkeit zeigte, das Dusagen zu ihm, das Mit-ihm-Angesiehtin-Angesicht-stehn, den Umgang mit ihm . . . Erst Israel hat das Leben als ein Angesprochenwerden und Anworten, Ansprechen und Antwortempfangen verstanden, vielmehr eben gelebt." In anderer Formulierung habe ich in meinem „Heidentum, Christentum, Judentum" dasselbe Grundgefühl als „Diesseitswunder" bezeichnet und ausgeführt, daß der Weg zu Gott im Judentum durch die ganze Breite des Lebens gegeben ist, während das Christentum die durch den Kreuztod in die Welt gekommene Gnade, das Glauben an diese Gnade und die Teilnahme an ihr als den einzigen Weg vorzeichnet. Keine vorgezeichneten Wege der Gnade, — Erlebnis Gottes überall und in jedem Moment, also auch im Erlebnis des Mangelhaften, Bösen, Chaotischen möglich, auf geheimnisvolle Weise im Regellosen und scheinbar Gottfernen ebenso möglich wie im Geregelten und bis auf den Grund Durchlichteten — das scheint Grundzug des Judentums zu sein. 110