Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Begriff und Wirklichkeit
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 101 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Begriff und Wirklichkeit den, und darum tritt das Sein dem Begreifenden immer nur als Vielheit, als Quantität, entgegen. Der Begriff „quantitiert" das Sein. Das Sein als Einheit ist dem Erkennen niemals gegeben, das liegt nicht am Sein, sondern am Erkennen. Hier nun, glaube ich, setzt wiederum das Leben ein. Buber kann uns auffordern, die Achsendrehung vorzunehmen, vom Es wiederum zum Du erlebend aufzusteigen. Der Philosoph, der sich bewußt auf das Begreifen beschränkt, kann auch nur im Begriffe die Grenze überschreiten, die dem Begriff gezogen ist. Und darum wird ihm im Denken das Sein immer als transzendent erscheinen, obzwar er seiner im „Leben" gewiß ist. Fichte sagt: „Vermöchte der Begriff sich selbst zu begreifen, so vermöchte er auch das Absolute zu begreifen, denn in seinem Sein jenseits des Begriffs ist er selbst das Absolute.64 Aber er steht sich selbst im Wege. „Immer verdeckt unser Sehen selbst uns den Gegenstand, und unser Auge selbst steht unserem, Auge im Wege" (Anweisung zum seligen Leben, 5. Vorlesung). Die Wissenschaft kann dieses Sich-im-Wege-Stehen nicht faktisch, sondern nur erkennend aufheben. Wo die „Orientierung" sich über sich selbst orientiert, erkennt sie, daß das „Quantitieren" ihr Schicksal ist, daß es im Wesen der Achsendrehung, die vom Du zum Es führt, liegt, uns an Stelle des Einen, das wir erlebend besaßen, die endlose Mannigfaltigkeit zu geben, die wir niemals ausschöpfen können. Diese Erkenntnis ist „Selbstvernichtung des Begriffs", sie schließt den Hiatus, den der Begriff aufriß, für den Begriff. Denn immer noch, auch nach dieser Erkenntnis, erscheint dem Begriff das Seii^ als Grenze, als etwas Negatives, und es muß das Erleben jenseits des Begriffs, das Ich-Du-Erleben hinzutreten, um die positive Deutung des absoluten Seins geben zu können. Sofern man mit Schelling die Religion definiert als „die zur unwandelbaren objektiven Anschauung gewordene Spekulation selbst", kann man für das hier gemeinte Erleben jenseits des Begriffs auch Religion sagen: so tritt die Religion, die negative Erkenntnis der Selbstvernichtung des Begriffs positiv ergänzend, zur Wissenschaft hinzu. LUDWIG STRAUSS 3Ba£ €>zfpx&ä) Anmerkungen zu einer Rede Schleiermachers Wo die großen deutschen Männer um 1800 von Judentum sprechen, da ist meist ihre Stimme verhängt von Befremdung und Unbehagen, beim Ja kaum weniger als beim Nein. Im spröden Licht 101