Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 10 (1928)
- Issue
- 1 (1928) Sonderheft zu Martin Bubers fünfzigstem Geburtstag
- Article
- Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten
- Date
- 1928-01-01
- Page
- 81 (sequence 1)
- Language
- German
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FRANZ ROSENZWEIG Briefe eines t^toutften an einen anttjtontfteu Frankfurt a.M., den 2. 5. 1927 . . . Die antizionistische Seite des Liberalismus ist zwar klassisch, aber nichtsdestoweniger revisionsbedürftig. Und zwar deswegen,weil dies Element des klassischen Liberalismus primär kein religiöses war, sondern primär der Tribut an die politische und soziale Emanzipationstendenz, die mit ihm Hand in Hand ging. Es ist eine Lebensfrage für den jüdischen Liberalismus, ob er sich aus diesen Zusammenhängen lösen kann. Ganz ähnlich wie es eine Lebensfrage für den politischen Liberalismus war, ob er sich aus den wirtschaftlichen Ideen seiner klassischen Periode — Manchestertum und Antisozialismus — lösen konnte. Was Naumann und seine Mitkämpfer für den Liberalismus getan haben und was allein seine Entwicklung zur heutigen demokratischen Partei (die ja trotz ihres zeitweisen Niedergangs die tragende Partei der Republik ist) möglich gemacht hat, das steht jetzt als Aufgabe vor dem synagogalen Liberalismus: die Befreiung aus einem einst klassischen Bündnis und aus einer einst klassischen Gegnerschaft und die Rettung seines Kerngehalts für die Zukunft . . . Frankfurt a. M., den 10. 5. 1927 . . . Welche Art von Zionismus der Liberalismus bejahen soll? Gar keine und in gewissem Sinn jede. Nämlich er soll sich den Abstand gegen alle Politik schaffen, der im Wesen der Religion liegt. Abstand heißt nicht Beziehungslosigkeit. Im Gegenteil: Kritik sowohl als Impulse sollen der Politik von der Religion kommen. Aber damit das geschehen kann, ist Abstand nötig. Und gerade der hat dem Liberalismus gefehlt. Denn worein ich mich mit den Zähnen wütender Gegnerschaft verbeiße, dazu habe ich keinen Abstand; und womit ich verheiratet bin, dazu auch nicht. Jenes ist das Verhältnis des Liberalismus zum Zionismus gewesen, dieses das zum Centraiverein. Deutscher Nationalismus ist genau so wenig religiös wie palästinensischer. Andererseits aber, wenn er sich die Kritik und die Impulse der Religion gefallen läßt, mit ihr genau so vereinbar. Genau so, — durchaus nicht mehr! Diesen Gesichtspunkt vermisse ich z. B. auch in dem Artikel von Z. Y. Mit dem gleichen Recht wie den Zionismus könnte er auch den C. V. atheistisch nennen. Daß der C. V. die äußere Zugehörigkeit zur jüdischen Konfession verlangt, sagt gar nichts dagegen; das tut bekanntlich der Zionismus auch. Und wenn Männer wie Paul Nathan, dessen absolut indifferentes Verhältnis zur jüdischen Religion ja neulich in der C. V.-Zeitung selbst ausführlich geschildert wurde, 6 Der Jude, Sonderheft 81