Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Christliche Stimmen über das Judentum [Rezension]
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 85 (sequence 3)
- Language
- German
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Bemerkungen eher sein. — S. 61. Kawwana wird mit Gottesglorie übersetzt! Dies sind einige Schnitzer. Schiefe Darstellungen, deren es viele gibt, habe ich nicht erwähnt. Nur eines muß ich hier scharf rügen: das ist der Versuch, im Leser den Eindruck zu erwecken, als gäbe es im östlichen Judentum eine nennenswerte judenchristliche Bewegung. Die beiden Namen Lichtenstein und Levertoff haben keinen Klang im Judentum. Man kann nicht in Abrede stellen, daß Jeremias sich viele Mühe gegeben hat und ehrlich bestrebt war, Sitten und Gewohnheiten und religiöses Leben der frommen Juden zu erfassen; auch an Sympathie für seinen Gegenstand fehlt es ihm nicht. Wohl aber ist die ihm (vielleicht nur latent) innewohnende Tendenz, im Sinn der Mission zu wirken, ein solch störender Faktor, daß er nicht zur Objektivität gelangt. Eine gleiche Tendenz liegt auch der Arbeit Przywaras zugrunde. Irrtümer kommen bei ihm kaum vor, da er sich an Dokumente hält, die nicht mißverständlich sind. Er ist aber einem anderen schweren Irrtum verfallen: er gleicht mit Gewalt alle Theoreme der modernen jüdischen Theoretiker untereinander aus und bringt sie trotz der bestehenden großen Gegensätze auf einen Generalnenner! Er findet bei allen repräsentativen jüdischen Denkern eine Gottentthronung, da Gott bei ihnen nur der Name für das Menschideal ist, während das Christentum am außerweltlichen Gott festhält und die grundsätzliche Unerkennbarkeit des Absoluten lehrt. Auch die ungeheure Aktivität des Judentums (die doch ethischreligiös ist!) mißfällt ihm. Dem ist entgegenzuhalten, daß seine Homogenisierung der referierten Denker und Systeme gewaltsam und unzulässig ist, daß er aber sich bei seiner Verallgemeinerung noch eines Unrechts schuldig gemacht hat, indem er außer acht ließ, daß das Judentum der lebendigen national-religiösen Tradition durch keinen der Genannten repräsentiert wird. Bei aller Wertschätzung der Männer, die Przywara bespricht, und ihrer Leistungen erklären sich weite Kreise durch ihre Systeme nicht befriedigt. Um zur Theorie des Judentums zu gelangen, bedarf es der Berücksichtigung seiner klassischen Denker in der Vergangenheit und des verständnisvollen Nachgehens des religiösen Lebens der Gegenwart. Przywara hätte auch Jeremias' Weg gehen müssen — vielleicht wäre er ein Stück weiter gekommen. Den Schluß in Przywaras Abhandlung aber kann ich nur als primitiv und plump bezeichnen. Er klingt wie eine Bekehrungspredigt und läßt an dem Ernst des Verfassers, der zu Beginn zu herrschen scheint, zweifeln1). Er hätte auch erkennen können, daß die jüdische Lehre einen Qptt kennt und lehrt, der hoch über der Welt als Ens realissimum existiert, und „dessen Gedanken nicht eure Gedanken" sind. Er hätte auch verstehen müssen, daß unsere Aktivität doch wesentlich ethisch, weniger metaphysisch bestimmt ist. Der Missionstendenz sind beide Autoren erlegen, mit ihr und durch sie verliert ihre Arbeit an Wert und Bedeutung für uns — und für alle. Oskar Wolfsberg 1) Eine in die Tiefe gehende Auseinandersetzung mit Przywara soll vielleicht einmal anderwärts unternommen werden. — D. Verf. Für die Redaktion verantwortl.: Dr. Siegmund Kaznelson, Berlin-Charlottenburg Jüdischer Verlag, Berlin NW 7, Dorotheenstraße 35