Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Christentümer, Judentümer und die Wahrheit
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 82 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Christentümer^ Judentümer und die Wahrheit Ihrer freundlichen Aufforderung, daß auch ich mich in Ihrer Zeitschrift ru dem Thema „Christentum und Judentum" äußere, kann ich eigentlich nicht entsprechen, da dieses Thema für mich keinen Sinn mehr hat. Aber es ist für Ihre Zwecke vielleicht nicht ganz ohne Wert, daß ich mich eben darüber in Kürze erkläre. Das Christentum existiert bloß in Christentümern, die von einander so verschieden waren und sind, daß ihre Inhaber einander das wahre Christentum absprechen. Christentum kann aber doch nur das wahre Christentum sein; falsches Christentum ist kein Christentum. Das Christentum kann aber auch nicht das Gemeinsame in den verschiedenen Christentümern sein, die einander das wahre Christentum absprechen, sondern nur eines von diesen — oder keines von diesen. Wie sich's damit verhalten möge: solange der Streit darüber, was das wahre Christentum (also das Christentum) sei, nicht entschieden ist, hat es keinen Sinn, vom Christentum zu reden. Mit dem Judentum verhält es sich auch nicht anders. Ich kenne die innere Geschichte des Judentums nach Jesu Zeit nicht; aber ich vermute, daß der orthodoxe Jude der Gegenwart den Reformjuden auch nicht als wahren Juden gelten läßt. Und wer war denn zu Beginn unserer Zeitrechnung der wahre Jude: der Pharisäer oder der Sadduzäer oder der Essäer? oder Johannes der Täufer? oder Jesus? Und wer repräsentierte denn früher das wahre Judentum: Esra? oder die Propheten Jeremia, Micha, Jesaja, Arnos? oder die Könige Manasse, Ahas, Ahab, Salomo? Im Alten Testament ist so wenig ein Geist wie im Neuen Testament. Welcher von den verschiedenen Geistern, die sich da aussprechen, repräsentiert nun die wahre, wirkliche Religion Israels? Vom Judentum kann man erst dann mit Sinn reden, wenn einmal festgestellt ist, was das wahre, wirkliche Judentum, das Judentum, ist. Solange aber die Gelehrten darüber nicht einig geworden sind, was Christentum und Judentum sei (nämlich das echte, wahre, wirkliche Christentum und das echte, wahre, wirkliche Judentum), solange steht alles in der Luft, was man über Judentum und Christentum sagen mag« Es ist aber auch ganz überflüssig, daß das Verhältnis von Judentum und Christentum bestimmt werde. Ich nehme, was mir Juden als Judentum und Christen als Christentum vortragen, oder was mir die Autoritäten des Judentums und Christentums sagen, ganz einfach als ihre persönliche Meinung über die Dinge, von denen sie reden; und prüfe diese Meinung auf ihre Wahrheit. Leuchtet sie mir ein, so eigne ich sie mir an — als wahr; und nicht als christlich oder jüdisch; und scheint sie mir irrig zu sein, so lehne ich sie ab — als falsch; und nicht als christlich oder jüdisch. Ich lese also insbesondere das Alte Testament nicht als jüdisches Buch und das Neue Testament nicht als christliches Buch, sondern beide eben als Bücher, aus denen ich zu lernen suche, was daraus zu lernen ist — nicht über Judentum und Christentum, sondern über Gott und die Welt und mich selbst. Dabei befinde ich mich nicht schlecht; und dabei kommt auch das Alte und das Neue Testament besser zu seinem Recht, als wenn ich jenes 8a