Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Dostojewski und das Judentum
Date
1925-01-01
Page
72 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101219-3110689--8184-3110779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

A. S. Steinberg 4. Dostojewskis „Antisemitismus" ist eine gewiß unleugbare Tatsache. Forscht man jedoch nach ihren tieferen Gründen, so nimmt sie immer mehr einen problematischen und sonderbar anmutenden Charakter an. Vor allem ist zu betonen, daß die Vorstellung vom Juden, die Dostojewski sein Leben lang in sich trug, keineswegs eine Verallgemeinerung eigener Lebenserfahrung, keine Zusammenfassung einzelner Erlebnisse darstellt, wie dies so häufig bei Durchschnittsantisemiten der Fall ist; vielmehr ist es bei Dostojewski die Einzelerscheinung, die ihre konkreten Züge von der von ihm konzipierten allgemeinen „Idee" des Judentums in diesem oder jenem Maße empfängt Es sei hier nur auf das Wort „selbstredend" verwiesen, mit dem der damals noch junge Dostojewski die Parasitennatur des Zuchthäuslers Issai zu schildern beginnt („Selbstredend war er zugleich auch ein Wucherer"). Es mag an dieser Stelle auch die folgende Einzelheit nicht unerwähnt bleiben: Dostojewski schildert in aller Ausführlichkeit, wie der ins Unglück geratene Issai-Jesaja am Freitagabend den Sabbat zu heiligen pflegte, und berichtet dabei unter anderem über den Anblick, den der andächtige Jude im Gebetgewand und mit den „Gebetriemen" (!) bot. Dies ist, soweit ich mich entsinnen kann, die einzige Fehlleistung, die man dem scharfen Auge Dostojewskis nachsagen kann. Ist es nicht merkwürdig, daß gerade beim Anblick eines Juden das Dichterauge versagte? — Wo mag die Ursache hierfür liegen? Die Antwort auf die Frage gibt uns die Biographie Dostojewskis. Noch bevor Dostojewski ins Getriebe des Lebens geriet, noch im zartesten Alter hat das Judentum (nicht irgendein einzelner Jude) in seinem Gemüt einen so tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterlassen, daß er sich davon bis zu seinem letzten Atemzuge nicht mehr zu befreien vermochte und so den Einzelnen notgedrungen immer im Lichte jener „Idee" sah, die er sich im voraus von der Gesamtheit gebildet hatte. Diesen unverwischbaren und für sein ganzes geistiges Gepräge entscheidenden Eindruck machte auf Dostojewski — die Bibel. Ich muß hier darauf verzichten, alle Belegstellen aus den Erinnerungen an Dostojewski sowie aus seinen eigenen Aufzeichnungen und Briefen zusammenzustellen, die diese Tatsache unwiderleglich bezeugen. Nur an eine der wichtigsten Stellen in den „Brüdern Karamasoff" möge hier erinnert werden. In der von Aljoscha Karamasoff aufgezeichneten Autobiographie des Starez Sossima berichtet der Heilige Dostojewskis, wie er zum erstenmal als achtjähriges ahnungsloses Kind das „Wort Gottes" zu hören bekam. Da steht er an der Mutter Seite unter den Andächtigen 72

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.