Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Dostojewski und das Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 70 (sequence 5)
- Language
- German
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A. S. Steinberg unterscheiden habe. Um auch diesen letzten Zweifel aus dem Wege zu räumen, lohnt es sich, wenn auch nur flüchtig, in jene Schriften Dostojewskis einen Blick zu werfen, in denen er von Juden und Judentum nicht mehr durch dritte Personen, sondern im eigenen Namen und in seiner eigensten Sprache redet 3. Im eigenen Namen spricht Dostojewski von Juden und Judentum oft und bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor allem in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers". Einer der Aufsatze in dieser Zeitschrift (März 1873) trägt sogar die Überschrift: „Die jüdische Frage" und ist angeregt durch einen Brief von A. Kowner, über dessen Verhältnis zu Dostojewski das gesamte Material nunmehr auch in deutscher Sprache vorliegt1). Gerade dieser Aufsatz gilt gemeinhin als die „antisemitische Hauptschrift" Dostojewskis. Wir werden auf die darin zum Ausdruck kommende Gesinnung noch des näheren einzugehen haben und wollen vorderhand nur jene Einzelheiten herausgreifen, die am unzweideutigsten den „banalen" Antisemitismus Dostojewskis zu bezeugen und zu bestätigen scheinen. Die Aufgabe ist leicht gelöst: Dostojewski macht den Juden zum Vorwurf, daß sie abgefeimte Ausbeuter seien, daß sie die umgebende Bevölkerung, namentlich die schutzlosen und unwissenden Bauern, erbarmungslos aussaugten, jdaß die Nichtjuden für die Juden nichts als zur Sklaverei verdammte Lasttiere seien, daß sie in Westeuropa auf goldgefüllten Säkken thronten und von dort aus die gesamte Politik gegen Rußland inspirierten, gegen dieses Land, in dem allein das Christentum noch eine lebendige und lebenbestimmende Macht bedeute; die Politik Disraeli- Beaconsfields, dieser „piecola bestia", wie er ein anderes Mal genannt wird, die gegen die von Rußland protegierten slawischen Völker gerichtet ist, sei nur zu verstehen, wenn man in Erwägung ziehe, daß dieser „Israel", ebenso wie alle Juden, auf die Zerstörung des urchristlichen Russenreiches ausgehe. Wenn die Juden seit Jahrtausenden von aller Welt gehaßt und gehetzt werden, so könne das nicht ganz ohne Grund sein: „Der allgemeine Haß", so heißt es wörtlich, „muß ja irgendwie begründet sein. Das Wörtchen ,AUe' kann ja nicht ganz der Bedeutung entbehren". Und so versäumt er auch nicht, den angeblichen Grund und die Berechtigung dieses ewigen Hasses ausdrücklich zu betonen: es sei dies die echt jüdische „Idee", der „Materialismus", der „blinde, tierische Drang, sich persönlich materiell zu bereichern", der direkte Gegensatz zur „christlichen Idee der Er- *) „Beichte eines Juden", von L. Großmann. Deutsche Ausgabe von Ren6 Ftilöp- Miller und Eckstein. München 1927. Verlag R. Piper & Co. 70