Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Dostojewski und das Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 69 (sequence 4)
- Language
- German
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Dostojewski und das Judentum Belustigung und Zerstreuung bot"; war er doch alles in allem „gutmütig wie ein Huhn", so daß man mit ihm „wie mit einem Papagei oder einem Schoßhündchen spielen konnte". Wie eifrig ist doch der Künstler bemüht, dem Leser klarzumachen, welche Züge in dem von ihm entworfenen Bilde nur den individuellen Eigentümlichkeiten des Originals entsprechen und welche für den ganzen Stamm typisch sind. Zwar ergänzt Dostojewski sein Porträt des typischen Juden durch mancherlei charakteristische Züge und Schattierungen, die den Gedanken nahelegen, daß die Beziehungen der nicht jüdischen Umwelt zu Issai Fomitsch durchaus nicht die einzig möglichen und natürlichen zu sein brauchen und daß auch Dostojewski selbst in ihm vielleicht mehr als nur hündische Frechheit und die Gutmütigkeit eines Hühnerherzens zu sehen vermochte. Indessen weist dies nur darauf hin, daß wir es schon hier bei Dostojewski mit einem jener Widersprüche in der Bewertung von Juden und Judentum zu tun haben, auf die noch ausführlich einzugehen ist. In diesem Zusammenhang mag nur darauf hingewiesen werden, daß der erbärmliche Issai Fomitsch durchaus keine zufällige Erscheinung in der Welt Dostojewskis darstellt, denn dasselbe Bildnis eines Juden, wie wir es in dem Werke der fünfziger Jahre kennenlernen, kehrt auch in den aus dem Ende der sechziger Jahre stammenden „Dämonen" fast unverändert wieder. Auch der Täufling Ljamschin ist ein Gemisch von Heimtücke und Dummheit, von Impertinenz und Feigheit, von Schüchternheit und Frechheit, auch er leiht „selbstredend" Geld gegen Wucherzinsen aus. Der Typus hat also bei Dostojewski unwandelbare Züge, oder, um es noch schroffer zu sagen: für eine gewisse Art des menschlichen Charakters, für ein Naturell, das abstoßend und zugleich interessant, gefährlich und doch komisch ist, weiß Dostojewski keinen passenderen Träger zu finden als den Juden. Darum sind auch die lichtvollsten Gestalten Dostojewskis nicht immun gegen das Gift des Judenhasses. Gerade Alexei Karamasoff, der gottesfürchtige Aljoscha ist es, der auf die Frage der kindlich reinen, allem Bösen abholden Lisa, ob es wirklich wahr sei, daß die Juden zu ihren abscheulichen Biten christliches Blut benötigten, nichts Besseres zu erwidern weiß, als: „Ich weiß nicht". Besagt das nicht alles? übertriebene Gewissenhaftigkeit könnte allerdings das bisherige Ergebnis noch immer in Zweifel ziehen und sich darauf berufen, daß die Persönlichkeit des Künstlers und die Person, der eine Erzählung in den Mund gelegt wird, grundverschiedene Wesen sein können, daß man mit anderen Worten den Verfasser eines dichterischen Werkes und den Erzähler innerhalb des Werkes selbst streng voneinander zu 69