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Der Jude · 1925-01-01 · 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum · p. 50

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
Article
Christentum und Judentum
Date
1925-01-01
Page
50 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Alfred Jeremias lichkeit nämlich das Ziel, das erst durch die Erlösung hindurch gewonnen werden kann. Gott haucht den Menschen, in jedem einzelnen Falle der Geburt im Gegensatz zu allen anderen Kreaturen, die in ihrer Weise kraft des allgemeinen Schöpferwortes auch „lebendige Seelen" sind, unmittelbaren Geist von seinem Geist (nischmat chajim) ein. So setzt er ihn in diese Erdenwelt mit ihrer Arbeit, damit er durch das Himmelsgeschenk seiner Gnade „ein Mensch Gottes werden soll, zu allem guten Werk geschickt". Im gegenwärtigen jüdischen Glaubensbekenntnis befindet sich der Satz: „Ich glaube, daß der Mensch gut aus der Hand des göttlichen Schöpfers hervorgegangen ist, sündenfrei geboren und fähig, die Sünde völlig zu überwinden". Wenn es so stünde, so brauchte der Jude allerdings keine Versöhnung mit Gott, und das Christentum müßte ihm fremd bleiben. In Wirklichkeit steht es aber so: nicht nur der Wille, nicht nur die Tat, auch die natürliche Erkenntnis ist von Haus aus auf „Sonderung von Gott" gerichtet (jede Sünde ist „Sonderung"). Paulus sagte den Juden: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes". Wenn man neuerdings beobachtet, daß Juden, die dem Glauben der Väter entfremdet sind, bei der Theosophie Anschluß suchen, so erkläre ich mir das vor allem aus einem verkehrten spätjüdischen Sündenbegriff. Theosophie ist heidnische Gnosis. Und alle heidnische Gnosis in indischer oder anderer Gestalt hat das gemeinsam, daß für sie die Sünde keine metaphysische Größe ist. Man kann aus ihr durch Selbsterlösung herauskommen, wie die Schlange aus der Haut, man kann sie los werden, wie man den Wassertropfen vom Lotos abklopft. Wo dies die Herzensmeinung ist, schließt sich jedes Tor zum Christentum. Was ich der Judenheit wünschen muß, ist deshalb dies: vom Talmud zurück zu den Propheten und zum alten mosaischen Gesetz, das kein Spiegel zur Selbstbespiegelung sein sollte, sondern „Pädagog auf den Messias", wie Paulus seinen jüdischen Gegnern in Galatien erklärt. Menschen können das nicht schaffen, sondern nur eine Reformation von oben und von innen. Es ist mir christliche Gewißheit, daß es einst dazu kommen wird. Von den Propheten aus wird eine religiös erneuerte Judenheit „in der letzten Zeit", wie Hosea vorausgesagt hat, „ihren König David suchen und den Herrn und seine Gnade ehren". Wann diese „letzte Zeit" anbrechen wird, weiß Gott allein, zu dem als dem lebendigen, persönlichen Schöpfer Himmels und der Erde und Liebhaber der Menschen fromme Christen und fromme Juden gemeinsam beten. 5o

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