Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Christentum und Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 41 (sequence 1)
- Language
- German
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ALFRED JEREMIAS Cfcrift entum unö 3utttntum Durch zwei Sonderhefte „Antisemitismus und jüdisches Volkstum" und „Deutschtum und Judentum" hatte der Herausgeber dieser Zeitschrift beabsichtigt, in offener Aussprache zwischen Vertretern der deutsch-christlichen und der jüdischen Geistes weit eine Verständigung über das Zusammenleben beider Völker herbeizuführen. Die Schriftleitung hat aus dem Ertrag der Aussprache erkannt, daß nicht der politische und nationale, auch nicht der Rassengegensatz den wesentlichen Teil des Problems ausmacht, sondern vielmehr der religiöse Gegensatz. Dieses dritte Sonderheft unter dem Titel „Christentum und Judentum" soll nun den Versuch machen, die Aussprache auf diese höhere Ebene zu bringen. Ich halte den Versuch bei beiderseitigem guten Willen nicht für aussichtslos und folge daher gern der Aufforderung der Schriftleitung, einen Beitrag zu schreiben. Der Versuch ist ein Zeichen der Zeit, und zwar ausnahmsweise einmal ein erfreuliches. Die ältere abgeschlossene Judenheit in den Zeiten vor der Toleranz hat sich, wie bis heute die Judenheit des Ostens, vor jeder Kenntnisnahme der Botschaft des Neuen Testamentes mit fanatischer Strenge gehütet. Und auch die Judenschaft der Assimilation hat, sofern sie dem Glauben der Väter treu bleiben wollte, etwas von dieser Scheu behalten. Das gewaltige Werk der Übertragung des Neuen Testaments in die hebräische Sprache durch Franz Delitzsch hat in jüdischen Kreisen nur schwer und fast nur heimlich Eingang gefunden. Das Verlangen, in sachlicher und ehrlicher Diskussion den innersten Wahrheits- und Wesensgehalt beider Religionen gegenübergestellt zu sehen, zeigt, daß der Bann gebrochen ist. Und auf christlicher Seite kündet sich neuer Wille an. Innerhalb der Christenheit des Abendlandes hat man sich bisher sehr wenig Mühe gegeben, in das Geistesleben der Judenheit einzudringen. Das scheint jetzt anders zu werden. Die Aufforderung, diesen Aufsatz zu schreiben, traf mich bei der Reisevorbereitung zu einer internationalen Konferenz, die zu Ostern erst in Budapest und dann in Warschau tagte, um die Frage zu erörtern, welche Stellung die evangelischen Kirchen der Welt zur Judenfrage einzunehmen haben. Das ist auch ein Zeichen der Zeit. Es könnte wie ein gutes Omen erscheinen, daß die Tagung in eine Frühjahrszeit fiel, in der — was ganz selten vorkommt — das christliche Osterfest mit dem jüdischen Passah nach christlichem und jüdischem Festkalender zusammenfällt. Der erste Zusammenprall der jüdisch-religiösen Welt mit einer andersgearteten religiösen Welt des Abendlandes fällt in die Zeit, 4i