Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Gibt es ein jüdisch-christliches Problem?
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 24 (sequence 2)
- Language
- German
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Paul Adler Wir fragen darum: Welchen besondern, eine besondere Erörterung heischenden Inhalt soll denn das „jüdisch-christliche Problem" aufweisen, von dem man seit den Kreuzzügen so viel reden hört? Und wir fragen fürs erste nach dem soziologischen Inhalt. Von dem religiösen wollen wir nachher reden. Da müssen wir uns zunächst überzeugen, daß die Geschichte Israels in Beziehung auf die Umwelt und im Vergleich mit anderen Exilsgruppen, ja auch im Vergleich mit den jeweils „herrschenden** Völkern keine kategorisch besonderen Merkmale aufweist. Wir sind in allen Richtungen, historisch gesehen, so wenig ein auserwähltes Volk wie etwa ein verworfenes. Unsere Tugenden sind die Tugenden von Ort, Zeit und Lage, und sie sind darum so wenig eigentliche Tugenden einer besonderen eingreifenden Gnade, wie unsere Laster oder die eines anderen Stammes nach ihren Zusammenhängen wirkliche Laster sind. Wir sind nicht dunkel im Mittelalter, während andere hell sind; aber wir strahlen ebensowenig in wirklich eigenem Licht. Auch unsere Geschichte bringt nur jenem Betrachter Früchte, der sie mit reiner Achtung des Gegebenen verfolgt, mit der (zufällig im jüdischen Munde formulierten) Erkenntnis, daß alles „Wissen Stückwerk" ist. Soweit es überhaupt Bahnbrecher gibt, darf auch darauf hingewiesen werden, daß der in diesen Tagen gefeierte Spinoza der Eckstein der modernen „Judenschule" ist, alles zeitlich und inhaltlich Vorhergehende aber für uns nur den Charakter des Vergangenen tragen kann. Au3 alldem folgt schon zugleich die Antwort für den Soziologen, den in die Zukunft gewandten Historiker. Die jüdische Gegenwart ist für uns Juden selbstverständlich kein irgendwie verwickeltes Problem, so wenig wie ein anderer Organismus. Noch weniger die Zukunft, welche stets nur eine unmerkliche Verlängerung der Gegenwart ist. Wir leben, Gott sei Dank, und solange wir (nicht anders als zum Beispiel auch das deutsche Volk) „Feinde und Neider ringsum4' haben, müssen wir mit ihnen auf irgendeine Art fertig werden. Die Art ergibt sich dabei nach sozialen Gesetzen immer aus der Praxis. Ist dies alles nun irgendein geistiges „christlich-jüdisches'fc Problem? Gewiß nicht! „Probleme" werden von der Geschichte auch niemals gelöst, immer wieder ungelöst beseitigt. Aus allen Gründen sollten wir es ablehnen, unsere Rechte auf Mitexistenz in einer Umgebung, an deren Erschaffung wir einen hinreichenden Anteil haben, erst feierlich im Kampf mit den Sophismen unserer Gegner zu begründen, oder — was nicht viel besser ist — unsere behauptete Überwertigkeit gegen eine behauptete Minderwertigkeit nach „arischem* * oder „christlichem" Kodex hervorzukehren. Da das Meer von Ungeheuern wimmelt, sollte Israel allein sein Lebensai