Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 4 (1927) Sonderheft Judentum und Christentum
- Article
- Vom erledigten Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Vom erledigten Judentum die neue Erfahrung die alte Gewohnheit der Seelen vollständig niederkämpfte. Dann aber war mitten in einer Menschheit, die sich in der Sehnsucht nach dem Göttlichen sinnlich verfing und so dieses umvveltartig sah, eine Stätte geschaffen, wo sich frommes Sehnen über die Welt zu Gott, dem Einen, erhob. Und dieser erste weltgeschichtliche Sieg Israels zog auch seinen zweiten nach sich. Die angesammelten Energien gotteinheitlicher Religiosität reichten auch noch zur Abgabe nach außen, zur Ausstrahlung in die Völkerwelt hin. Nun aber geschah, was geschehen mußte. Das erste Ergebnis dieser Ausstrahlung, das Christentum, trat mit dem Anspruch auf, das letzte Wort der religiösen Entwicklung, die allen Völkern gewordene Fortsetzung und Erfüllung des erledigten Judentums zu sein. Und diesem blieb nichts übrig, als zu schweigen und — sich nicht beirren zu lassen. Ohne den im Christentum für die nicht-, jüdische Menschheit gelegenen religiösen Fortschritt zu übersehen und ohne auf das Verdienst zu verzichten, dieses Fortschritts Quelle zu sein — ist es sich doch über dessen Grenzen klar. Es weiß: Die Völker, auf welche die Strahlen des jüdischen Kraftzentrums wirkten, hatten keinen tausendjährigen Kampf gegen das eigene Heidentum hinter sich. So wie sie waren, mußten sie nicht nur das „Gesetzes* '-Element des Judentums ablehnen, sondern auch von dem neuen, sonst jüdisch fundierten Christentum verlangen, daß es ihre mythischen Ansprüche befriedige und ihrem von ihnen jäh und erschreckt erkannten heidnischen Übermut einerseits mit grimmigstem Urteil entgegentrete, andererseits beruhigend entgegenkomme. So ward der Fortschritt nicht groß genug, kam er der Wahrheit nicht genug nahe, bog er auf dem Wege zu ihr an manchen Stellen ab. Alles dies weiß das Judentum und es weiß auch, was es von seiner angeblichen religiösen Minderwertigkeit zu halten hat. Es weiß: Wenn als sündiges Stäubchen sich fühlen in der Hand des Herrn und doch wieder als sein Kind, das sich vertrauensvoll an den Vater schmiegt, ein religiöses Grundgefühl ist, so kann es an religiösem Wert dadurch zumindest nicht verlieren, daß es mit gottergebenem Mut zu sittlicher Initiative und frommem Verantwortungsbewußtsein verknüpf I ist, daß dem Menschen ein Eckchen gezeigt ist, an dem er die Gnade Gottes nicht als bloße Gnade und seine Ungnade nicht als bloße Ungnade hinzunehmen braucht. Wenn das religiöse Gefühl davor zurückschreckt, auf irgendeinem Gebiete eine vollständige Abdankung Gottes oder ein volles Angewiesensein auf seine Gnade — lies: die volle Verantwortungslosigkeit des Menschen — für möglich zu halten, so ist dies Anerkennung der Spannung zwischen Willensfreiheit und Gottgegebenheit, d. h. frömmste Demut vor dem göttlichen Geheimnis — die ja von christlicher Kritik so gern am Juden 5